Die Blüten des Lotustourismus: Eine Blume beflügelt eine ganze Branche

Im Hochsommer schwebt in vielen Orten Chinas der Duft von Lotusblüten durch die Lüfte. So auch in der Hauptstadt Beijing. Hier fiel Mitte Juli im Alten Sommerpalast, dem Yuanmingyuan, der Startschuss für das 31. Lotusfest. Es verbindet 13 besondere Lotus-Ausstellungsorte in der ganzen Stadt und schafft so ein neues sommerliches Natur-, Kultur- und Freizeiterlebnis.

Parallel zu Lotus-Kulturaktivitäten wurde online eine digitale Karte mit den 60 schönsten Lotus-Spots der Hauptstadt veröffentlicht. Über den offiziellen Wechat-Account des städtischen Büros für Forstwirtschaft und Parkanlagen können die Bürger so hochauflösende Bilder und empfohlene Orte abrufen.

Zur gleichen Zeit begann im Nationalen Feuchtgebiet Longhu der Stadt Zhoukou in der Provinz Henan das fünfte Lotusfestival. Von Beijing bis Henan, vom Lotusmarkt in Suzhou in der Provinz Jiangsu bis zum Musikfest in der Provinz Guizhou – der Lotus ist im Reich der Mitte 2026 längst zum Symbol des Sommer-Kulturtourismus gereift, und lässt vielerorts die Kassen klingeln.

Lotusbootstour: Diese Besucher lassen sich im Beijinger Zizhu-Park auf einem traditionellen Ruderboot durch die Lotuslandschaft schippern.

Erlebnis-Upgrade: Von der reinen Blumenschau zum Eintauchvergnügen

Die wichtigste Neuerung des Beijinger Lotusfestes liegt in der Aufwertung des Erlebnischarakters des Festivals. Die rund 70 Hektar großen Lotusteiche im Alten Sommerpalast befinden sich derzeit in voller Blüte. Der Changchun-Garten hat eigens zwei Wasserwege zum Genießen der Lotuspracht eröffnet. Besucher können so auf dem glitzernden Wasser entlanggleiten und Kaiser Qianlongs Freude an der sommerlichen Lotusblüte nachempfinden. Die Gärten bieten zudem immersive Aufführungen im traditionellen chinesischen Stil, Naturworkshops, Flohmärkte, Ausstellungen zu Lotusarten und interaktive Briefmarkensammelaktionen. So wird historische Hofkultur zum modernen Tourismuserlebnis und kurbelt den Konsum an.

Im nationalen Feuchtgebiet Longhu wird derweil eine seltene, wilde Lotuspopulation aus der Zeit der Westlichen Zhou-Dynastie (1046–771 v. Chr.) behutsam erhalten. Begrüßungszeremonien aus alter Zeit, Ausstellungen seltener Arten und Themendekorationen schaffen dort ebenfalls eine ganz besondere Atmosphäre, in der Besucher mit jedem Schritt in eine neue Szenerie eintauchen können. Durch interaktive Aktivitäten wie die Suche nach der Lotusfee mit professionellen Schauspielern und thematische Flashmobs reift das Besuchererlebnis vom klassischen Sightseeing zum echten Mitmacherlebnis.

„Am diesjährigen Lotusfest kann man sich von früh bis spät vergnügen. Es taugt nicht mehr nur zum Kurzbesuch oder Fotostopp, sondern ist zu einem Event geworden, wo man wirklich verweilen möchte und jede Menge Spaß haben kann“, sagt ein Tourist aus Henans Hauptstadt Zhengzhou begeistert.

Foto-Time: Besucher schießen Erinnerungsschnappschüsse vor einer Themeninstallation beim Lotusfest im Yuanmingyuan in Beijing.

Nachtwirtschaft: Lotuslandschaften auch nach Sonnenuntergang

Wenn die Dämmerung einsetzt, kehrt wieder etwas Ruhe ein im historischen Viertel Shichahai in Beijing. Die beleuchtete Promenade am Lotusmarkt spiegelt sich im glitzernden Wasser der Abenddämmerung. Laut Yan Zhong, stellvertretender Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, können sich Besucher dort nicht nur mit Kultursouvenirs eindecken, sondern auch traditionelle Kräutertees verkosten und hippe Restaurants mit chinesischem Flair besuchen. Authentische Beijinger Küche und regionale Spezialitäten gibt es natürlich auch.

Im Park Longtan-Westsee in Beijing setzt man auf das Thema „Lotus im Abendrot“. Konzerte bei Sonnenuntergang, ein Nachtmarkt und Kulturaufführungen beleben dort das abendliche Geschäft.


Allwetter-Augenweide: Auch der Regen tut dem besonderen Charme der Lotusblüten auf dem Beijinger Shichahai keinen Abbruch.

Auch in der Stadt Zhoukou in der Provinz Henan beginnt nachts ein spektakuläres Programm: Drachenboote aus Bambus schippern über den Longhu-See, hunderte Drohnen formieren sich am Himmel zu Lotusblüten und Drachen, während Wasserprojektionen die „Lotusfee“ im Nebel erscheinen lassen. Im Kreis Puding in der Provinz Guizhou lassen unterdessen Bergkonzerte im Abendwind, der über den Lotusteich streicht, Sommerromantik aufkommen. „Ich bin zum ersten Mal bei einem solchen Lotusfestival. Dank der Livemusik macht das deutlich mehr Spaß als reines Shopping in der Stadt“, zeigt sich ein Tourist sichtlich angetan.

Verlängerte Konsumkette: Das Geschäft rund um die Blume

Noch vor Sonnenaufgang herrscht in der Gemeinde Dongshan in Suzhou bereits reges Treiben. Die Blumenbauern kommen mit Schulterstangen und Wassereimern, voll beladen mit Lotusblüten, Samenkapseln und Blättern. Um rechtzeitig zum Lotusmarkt zu gelangen, müssen sie die Blumen schon mitten in der Nacht aus den Teichen ernten. Dass sie dennoch pünktlich am Marktgelände sind, ermöglicht ein kostenloser Shuttlebus, der dieses Jahr erstmals verkehrt – im Volksmund als „Lotus-Bauern-Linie“ bekannt.

Kurz nach sieben Uhr morgens breiten sich auf dem Lotusmarkt im Baita-Park in der Suzhouer Altstadt allmählich über 160 Stände aus. Die Blumenzüchterin Yu Yindi sagt lachend: „Das frühe Aufstehen ist natürlich schon anstrengend, aber wenn sich die Blumen gut verkaufen, lohnt es sich.“ Um den Blumenabsatz zu fördern, hat das Büro des Unterbezirks Pingjiang vor der Markteröffnung in diesem Jahr professionelle Floristen engagiert, die die Blumenbauern kostenlos darin schulen, hübsche Blumenarrangements und Sträuße anzufertigen.


Großer Andrang am 18. Juni bei der Eröffnung des Lotusmarktes im Baita-Park in Suzhou. Die mehr als einhundert Stände mit frischen Lotusblumen und Lotusfrüchten lockten zahlreiche Besucher an.

Laut dem Büroleiter Wang Junqing hat der Markt innerhalb von 18 Tagen insgesamt 500.000 Besucher empfangen und 650.000 Lotusblüten verkauft, was den Bauern ein Zusatzeinkommen von fast drei Millionen Yuan beschert habe. Die Popularität des Lotusmarktes bleibt jedoch nicht auf den Baita-Park beschränkt, sondern färbt auch auf andere Branchen ab. Restaurants in der Umgebung bieten spezielle Lotus-Menüs an, während Cafés Besucher damit locken, Kaffeegenuss und Lotusblütenfotoerlebnis zu verbinden. Eine einzige Blume verknüpft so eine komplette Konsumkette aus Besichtigung, Shopping, Gastronomie und Fotografie.

Von den kaiserlichen Gärten Beijings bis zu den Wasserstädten Südchinas schreibt das Konzept „Lotus+“ in diesem Sommer also ein neues Konsumkapitel und demonstriert eindrucksvoll, wie eine einzige Blume ganze Tourismusbereiche beleben kann.