Geschichten aus Licht und Schatten: Chinas traditionelles Schattenspiel

Wer kennt diesen Anblick nicht: Wogende Äste und Blätter, die im Frühlingssonnenlicht ein Schattenspiel auf dem Asphalt aufführen, Kinderhände, die im schummrigen Schein der Nachttischlampe mit allerlei Handverrenkungen wilde Schattenepen auf der Zimmertapete inszenieren. Die Chinesen haben solche Schattenspiele über die Jahrtausende zu einer echten Kunstform entwickelt. Dreh- und Angelpunkt dabei sind die Protagonisten des Schatten-Casts: die sogenannten „Piying“. So nämlich nennt man auf Chinesisch die ledernen Figuren des chinesischen Schattentheaters. Piying gibt es in unterschiedlichsten Charakteren, Formen, Größen und Farben. Die Puppen, die als älteste animierte Figuren Chinas gelten, vereinen Einflüsse aus Malerei, Bildhauerei und Literatur in sich.

„Piyingxi“ heißt das Theaterstück, das mit diesen Schattenfiguren aufgeführt wird. Zusammen bilden Piying und Piyingxi somit die Kernelemente der chinesischen Schattentheaterkunst. Geführt werden die Figuren jenseits des Rampenlichts von speziell ausgebildeten Schattenspielkünstlern. Als Choreografen hauchen sie den Figuren lebensechte Bewegungen ein. Das Ergebnis sind packende Geschichten, erzählt als Zusammenspiel von Licht, Leinwand und musikalischen Lauten. So entsteht ein Gesamtkunstwerk, das als unverzichtbare Perle der traditionellen chinesischen Künste gilt.

In alter Zeit trug das Schattenspiel noch den Namen „Marionettenspiel“ (Kuileixi). Im chinesischen Volksmund ist es bis heute auch unter dem Namen „Lichtschattenspiel“ bekannt. Kern jeder Aufführung sind Schattenpuppen aus Papier oder Leder, deren Silhouetten mittels Lampen- oder Kerzenlichtes auf eine Leinwand geworfen werden. Während der Aufführung stehen die Künstler hinter dieser weißen Leinwand, bewegen ungesehen die Figuren und erzählen bzw. singen parallel Geschichten in populären lokalen Melodien oder Dialekten, begleitet von Schlag- und Saiteninstrumenten. Daraus entsteht ein magisches Zusammenspiel zwischen Mensch und Objekt sowie auch zwischen den Menschen untereinander. Die Aufführungen haben ein starkes lokales Flair und verbinden auf raffinierte Weise volkstümliches Kunsthandwerk mit Opernmusik, vereinen meisterhaft dramatische, musikalische und bildnerische Elemente.


Präzisionskunst: Für möglichst gute Beweglichkeit bestehen Schattenspielfiguren von Kopf bis Fuß aus bis zu elf frei beweglichen Teilen.

Ruhm auch im Ausland

Die Wiege des chinesischen Schattentheaters liegt in der heutigen Provinz Shaanxi. Die Ursprünge der Darbietungsform werden im Allgemeinen auf die Westliche Han-Dynastie zurückdatiert, womit das Spektakel heute bereits 2000 Jahre auf dem Buckel hat. Einer weit verbreiteten Überlieferung zufolge hat schon Han-Kaiser Wudi aus Sehnsucht nach seiner verstorbenen Konkubine Li Furen im Altertum ein Schattenspiel aufführen lassen. Das „Buch der Han“ (Han Shu) und die „Aufzeichnungen über die Suche nach dem Übernatürlichen“ (Sou Shen Ji) enthalten Hinweise hierauf.

In der Tang-Dynastie (618–907) wurde das Schattenspiel zum Vehikel des Buddhismus, förderte dessen Entwicklung und Blütezeit in China und wurde auch selbst wiederum vom Buddhismus nachhaltig beeinflusst. Während der Nördlichen Song-Dynastie (960–1127) verbreitete sich die Kunstform dann in die Provinzen Hebei, Henan und Shandong. In der Südlichen Song-Dynastie (1127–1279) konzentrierte sich die Schattenspiel-Handwerksgilde „Huigeshe“ (wörtlich „Gesellschaft für bemaltes Leder“) in der Gegend rund um Haining im heutigen Zhejiang, hier war das Zentrum der Farbmalerei. Bis heute gilt die Gilde als Sinnbild des einzigartigen Stils des damaligen Lin’an (heutiges Hangzhou).

 

Schauspiel aus Licht und Schatten: Im Wang-Museum für Schattenpuppenkunst in Sichuan zeigt ein Mitarbeiter, wie man die Puppen gekonnt bewegt.

Ab dem 13. Jahrhundert, mit dem Vorstoß der mongolischen Reiterarmee nach Süden, gelangte das Schattenspiel auch in die Militärlager. Während ihrer drei Westfeldzüge erreichte es Osteuropa und den Nahen Osten, wo es rasch weite Verbreitung fand. Seine Blütezeit aber erlebte das Schattenspiel in den Dynastien Ming und Qing (1368–1911). Damals entwickelten sich verschiedene regionale Stilrichtungen: das nordwestliche Schattenspiel mit den Figuren aus Huayin und Huaxian, besonders in der Provinz Shaanxi beheimatet; das nördliche Schattenspiel, besonders ausgeprägt in Ost-Hebei (einschließlich der Kreise Sanhe, Jixian, Yutian); das Sichuan-Schattenspiel, vertreten durch das Chengdu-Lichtschattenspiel und die Weinan-Schatten; und zu guter Letzt das südliche Schattenspiel, vertreten durch die bereits erwähnte „Huigeshe“ in Lin’an.

Von der Mitte der Qing-Dynastie bis zur Zeit der Republik China (1912–1949) erreichte die Kunstform entwicklungsmäßig ihren vorläufigen Höhepunkt und nahm zunehmend lokale Besonderheiten in sich auf. So ließ etwa das Haininger Schattenspiel die lokale Sprache von Haining in seine Gesänge miteinfließen, untermalt von einer örtlichen volkstümlichen Melodie, der sogenannten „A-La-Melodie“. Als ein Zweig des chinesischen Theaters entwickelte sich das Schattenspiel parallel zur chinesischen Theatergeschichte und beeinflusste diese wechselseitig bis in die Gegenwart.

 

Vor dem Aufkommen von Kino und Fernsehen war das Schattenspiel eine beliebte Unterhaltungsform.

Drei markante Stilrichtungen, die es zu kennen lohnt

Nach einer langen Entwicklungsgeschichte lassen sich die chinesischen Schattenspiele heute im Wesentlichen drei großen regionalen Schulen zuordnen: dem nördlichen Stil mit dem Tianjin- und dem Luanzhou-Schattenspiel, dem westlichen Stil, zu welchem das Shaanxi- und das Longdong-Schattenspiel zählen, sowie dem südlichen Stil mit dem Zhejiang- und dem Fujian-Stil als bekanntesten Vertretern. Die Schattenspielfiguren des westlichen Stils bestechen durch ihre Schlichtheit und Ursprünglichkeit, wenn auch durch äußerst raffinierte Handwerkskunst gefertigt. Das nordchinesische Schattentheater glänzt derweil durch sein reiches Repertoire. Allein vom Tangshan-Schattentheater sind bis heute mehr als 500 Stücke überliefert. Im Süden unterdessen sind die Figuren generell größer und bestechen durch ihre Realitätstreue. Innerhalb dieser drei regionalen Schulen gibt es zudem weitere Unterschiede.

Darüber hinaus variieren auch die regionalen chinesischen Bezeichnungen: In Sichuan und Qinghai nennt man das Schattenspiel „Lichtschattenspiel“, in Hubei einfach „Schattenspiel“, in Guangdong gar „gezogener Lederaffe“ und in Beijing „Weidenkissenspiel“.

Hinter jedem Stück steckt feinste Handwerkskunst

Eine gelungene Schattenspielaufführung ist untrennbar mit dem Gesang und dem Vortrag der Künstler, der Bewegung der Schattenfiguren und natürlich mit den Schattenfiguren selbst verbunden. Die Herstellung eines vollständigen Figurensatzes umfasst eine ganze Reihe an Arbeitsschritten: Von der Auswahl des Leders und der Zeichnung des Entwurfs über die Schnitzarbeit und Färbung bis hin zum Zusammensetzen und Verbinden der Einzelteile. Für die Figuren verwendet man meist Rinds-, Ziegen- oder Eselleder mittlerer Stärke, das sowohl weich als auch robust ist. Nach dem Reinigen, Einweichen und Trocknen wird das Leder dann mit speziellen Messern bearbeitet und mit aufwendigen Figurenmustern versehen.

 

Szene aus dem Stück „Drei Kämpfe mit dem weißen Knochendämon“

Je nach Stilrichtung variieren die Herstellungstechniken deutlich. Beim Luanzhou-Schattenspiel etwa erfolgt zunächst das sogenannte Stärken des Leders: Dabei wird das Material erst in kochendem Wasser eingeweicht, dann getrocknet, anschließend mit Klebreiswasser behandelt und in einem letzten Schritt noch einmal sechs bis sieben Tage luftgetrocknet. Erst danach beginnt die eigentliche Bearbeitung. Abgerundet wird die aufwendige Prozedur durch das Finish: nämlich das Auftragen einer Schicht Tungöls. Beim Shaanxi-Schattenspiel dagegen werden die Figuren nach dem Färben nicht etwa eingeölt, sondern gedämpft – ein Verfahren, das man als „Entölung“ bezeichnet. Nach der Vorbereitung des Leders kommen auch hier verschiedene Werkzeuge zum Einsatz, wobei die Kunsthandwerker gekonnt verschiedene Techniken wie das „Reliefschnitzen“ (Yang) und das „Kerbschnitzen“ (Yin) anwenden. Mit gekonnten Handgriffen schnitzen sie so Köpfe und Brustpartien, Bauch und Beine, aber auch Bekleidung, Gebäude und Tiere. An den Gelenken bleiben Öffnungen für die Verbindungsteile. Mit Lederstiften und Fäden werden die Teile am Schluss verbunden, bevor die Kolorierung der Figuren erfolgt und das Anbringen mehrerer Bambusstäbe zur Steuerung. Damit sind die Protagonisten der Schattenspielstücke geboren: äußerst bewegliche und kunstvoll gestaltete Figuren, deren Silhouetten im Scheinwerferlicht flink über die Leinwand huschen, mal sitzen, mal den Kopf senken, mal in heftigen Kämpfen wirbeln – ein faszinierendes, lebensechtes Schauspiel.

 

Seit 2006 steht das Huazhou-Schattenspiel Teil auf Chinas nationaler Liste für immaterielles Kulturerbe. Dieser erfahrene Fingerkünstler führt 2024 im Internationalen Schattenspielpark Shaohuashan in der Provinz Shaanxi ein Stück dieser alten Kunstform auf. 

„Ein Mund erzählt tausendjährige Geschichten, zwei Hände bewegen Millionen von Soldaten“, so lautet ein geflügeltes Wort unter Kennern der Szene. Und tatsächlich: Mit Licht und Schatten als Bühne tragen die Schattentheaterkünstler mithilfe von Gesang und Bewegung klassische Sagen über Geschichte, Götterwelt und Liebe direkt in die Gegenwart, überwinden so Zeit und Raum. Das chinesische Schattenspiel wird damit zum zeitlosen Spektakel, mit langer Tradition und doch immer wieder neu.


*Professorin Chen Ping, Vorsitzende des „UNESCO Chair on World Traditional Handicrafts: Inheritance and Innovation“, ist zugleich Direktorin des Instituts für Kulturerbe und Kreativindustrie der Jinan-Universität in Guangzhou sowie Vizepräsidentin der Internationalen Organisation für Volkskunst.

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