Dorffußball – er ist seit einiger Zeit in China ein echtes Phänomen. Die „Village Super League“ lockt Fußballfans landesweit nicht nur vor die Bildschirme, sondern auch in die Stadien. Das Erfolgsrezept: Fußballbegeisterung trifft Lokalpatriotismus. Davon profitieren mittlerweile auch abgelegene Zipfel des Riesenlandes. So etwa der Kreis Rongjiang. Er liegt im Autonomen Bezirk Qiandongnan der Miao und der Dong in der Provinz Guizhou tief in Chinas Südwesten. Auch bis hierhin ist der neuerliche Hype um die Dorffußballligen geschwappt und beschert vielen Landstrichen neuen Schwung. Hinter dem Trend stehen auch viele einzelne Erfolgsgeschichten. So etwa die von Liu Qinlan. Früher arbeitete die Miao-Frau als Kindergärtnerin, brachte jeden Monat weniger als 2000 Yuan nach Hause. Heute ist sie erfolgreiche Gründerin im Bereich immaterielles Kulturerbe, erwirtschaftet Jahresumsätze in Millionenhöhe. Für sie ist der chinesische Traum wahr geworden.
Liu ist eine von Chinas Rückkehrerinnen, die ihr berufliches Glück eigentlich einst in der Großstadt suchen wollten. Gefunden hat sie es schließlich zurück in der alten Heimat. Durch ihren Neuanfang in der Region, wo sie einst aufgewachsen war, hat sie sich nicht nur ihren eigenen Traum von der Selbstständigkeit erfüllt, sondern auch anderen Menschen in ihrem Heimatdorf die Chance auf ein besseres Leben beschert, ja höhere Einkommen und neuen Wohlstand generiert. Es ist der jungen Gründerin gelungen, große Internetreichweite in konkrete Verkaufserfolge umzumünzen. Sie hat damit ein Paradebeispiel geschaffen, wie die Rückkehr junger Menschen in die Heimat den ländlichen Raum beleben kann.

Lächelnd im Livestream: Liu Qinlan präsentiert online ihre eigenen Produkte. (Foto: Interviewpartnerin)
Wie die Dorfsuperliga den Weg zurück in die Heimat ebnete
Zu ihrer Zeit als Kindergärtnerin arbeitete Liu gemeinsam mit ihrem Mann, einem Softwareentwickler, in Guiyang, der Hauptstadt Guizhous. Das Auskommen war zwar gesichert, doch richtig zugehörig fühlte sich das Ehepaar nie. Immer wenn Liu Nachrichten aus der Heimat hörte und sah, dass die hochwertigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus den abgelegenen Bergregionen kaum über die Region hinaus Bekanntheit erreichten, packte sie der Gedanke, daran müsse sich etwas ändern.
Im Mai 2023 dann setzte der Hype um die Dorfsuperliga in Guizhou ein, auch ihr Heimatkreis Rongjiang rückte plötzlich in den Blickpunkt. Liu und ihr Mann erkannten darin eine Chance. Kurzerhand kündigten beide ihre Jobs in der Provinzhauptstadt und kehrten in die Heimat zurück, um vor Ort ein eigenes Geschäft aufzubauen. Zunächst konzentrierten sich die Eheleute auf lokale Agrarerzeugnisse, wollten Köstlichkeiten wie Mönchsfrucht (Siraitia grosvenorii), Qingbai-Tee sowie eingelegten Fisch und lokale Fleischwaren verkaufen.
Liu Qinlan nahm eigens an einer Schulung für Onlinemarketing in ihrem Landkreis teil, die die örtlichen Behörden kostenlos anboten. Sie lernte das Geschäft von der Pike auf – angefangen vom Filmen über Videoschnitt bis hin zum Livestreaming. Nach 15 Tagen hatte sie ein Zertifikat in der Tasche.

Ländliches Fußballfieber: Dank des Hypes um die „Village Super League“ zieht das Dorf Dali der Dong im Kreis Rongjiang heute viele Touristen an. (Foto: Yang Bo)
Schon am vierten Tag der Schulung wagte sie ihr erstes Livestreaming-Experiment, „einfach um es mal auszuprobieren“, wie sie sagt. Da die Dorfsuperliga damals auf dem Höhepunkt ihrer Popularität stand, erzielte sie in nur einer Stunde Dutzende Bestellungen für Agrargüter aus der Region, erwirtschaftete einen Umsatz von über 400 Yuan, umgerechnet rund 50 Euro. Erstmals realisierte sie, dass sich die digitale Aufmerksamkeit für ihre Heimat tatsächlich in greifbare Einnahmen umwandeln ließ.
Zu Beginn des Onlinevertriebs stieß sie allerdings auch auf Herausforderungen. Liu legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres, kleidet sich gerne elegant. Als sie in schicken Outfits und mit hohen Absätzen durch den Obstgarten stiefelte, warfen ihr viele Internetnutzer vor, sie wirke „nicht authentisch“, habe den Bezug zum Landleben verloren. Hinzu kam, dass die lokalen Agrarprodukte stets nur in begrenzten Mengen zur Verfügung standen. Die Bestellungen nahmen zu, aber das Angebot konnte nicht mithalten, sodass dringend eine Neuausrichtung notwendig war.
Im Juli 2023 erlebte Rongjiang einen Besucheransturm mit mehreren hunderttausend Menschen an einem einzigen Tag. Liu Qinlan stellte scharfsinnig fest: Die Touristen lieben es, sich an beliebten Orten fotografieren zu lassen, konnten jedoch kaum authentische Miao-Trachten finden. Als gebürtige Miao besaß sie zu Hause ein von ihrer Großmutter und Mutter handgenähtes „Hundert-Vögel-Kleid“ – ein komplett handgefertigtes Outfit. Ihr kam die Idee, Batik und Stickerei – Teil des immateriellen Kulturerbes der Miao – zu einem Geschäft zu machen. Den Anfang machte sie mit einem Straßenstand, vermietete Trachten, kombinierte diese mit Silberschmuck und verkaufte typische lokale Snacks. Am 29. Juli 2023, dem Finaltag der Dorfsuperliga, war ihre ganze Familie von frühmorgens bis in die Morgendämmerung des nächsten Tages beschäftigt. Gemeinsam erwirtschafteten sie an diesem Tag einen Reingewinn von über 10.000 Yuan.
Um die traditionellen Batik- und Stickarbeiten der Miao dem modernen Geschmack und den aktuellen Kundenbedürfnissen anzupassen, entwickelte Liu die traditionellen Designs mit ihrem Team weiter, kombinierte traditionelle Batik mit modernen Qipaos (Cheongsam), T-Shirts, Kultur- und Kreativprodukten sowie Wohnaccessoires. Die Produkte wurden prompt zu Verkaufsschlagern. Um das Handwerk wirtschaftlich nutzbar zu machen, eröffnete die findige Geschäftsfrau bald Werkstätten in umliegenden Dörfern und gab die Aufträge an die Dorfbewohnerinnen weiter, wobei die Bezahlung im Akkord erfolgte. Sprich: je mehr die Näherinnen arbeiteten, desto mehr verdienten sie auch.

Gemeinsam kreativ: Liu Qinlan (rechts) fertigt zusammen mit Einheimischen traditionelles Kunsthandwerk an. (Foto: Interviewpartnerin)
Der Weg in die Selbstständigkeit war jedoch nicht immer einfach. Da manche älteren Frauen nicht lesen und schreiben konnten, unterliefen ihnen beim Anfertigen der Muster Fehler. Liu löste das Problem, indem sie Mustervorlagen ausdruckte, die das Nacharbeiten erleichterten. Bei großen Auftragsmengen und knappen Lieferfristen ging sie persönlich von Dorf zu Dorf, um weitere Näherinnen zu gewinnen. Zu ihrem Produktsortiment gehören heute Konfektionskleidung, Heimtextilien sowie verschiedenste Kultur- und Kreativwaren, die alle handgestickt und im Batikverfahren gefertigt werden. Ein aufwendiger Prozess. Insbesondere die Fertigung bestickter Kleidungsstücke nimmt mindestens sieben Tage in Anspruch.
Mittlerweile hat sich Lius Geschäft zu einer vollständigen Wertschöpfungskette aufgeschwungen. Eine Betriebsgesellschaft ist für Design und Planung zuständig, über 200 Handwerkerinnen in den Dörfern fertigen die Produkte, zwei Ausstellungsräume dienen dem Online- und Offline-Vertrieb, während Dutzende Vertretungen im ganzen Land für zeitnahe parallele Vermarktung sorgen. Aus einem kleinen Geschäft mit nur 49 Quadratmetern Verkaufsfläche sind inzwischen zwei Ausstellungsräume mit einer Gesamtfläche von mehr als 200 Quadratmetern geworden. Der Jahresumsatz liegt mittlerweile bei zwei bis drei Millionen Yuan. Liu Qinlan ist es also gelungen, das Traditionshandwerk ihrer Heimat zu einem echten Wirtschaftsfaktor mit lokalen Besonderheiten zu formen. Sie hat damit vielen Menschen in der Gegend zu Wohlstand verholfen und zur wirtschaftlichen Belebung der gesamten Region beigetragen.

Kultur verbindet: Gemeinsam mit einer Delegation der Dorfsuperliga besucht Liu Qinlan im Frühjahr 2025 die China Agricultural University, wo sie die traditionelle Batikkunst der Miao vorführt und sich mit ausländischen Studierenden austauscht. (Foto: Interviewpartnerin)
Zusammenhalt als stärkste Kraft des ländlichen Aufschwungs
Auf dem Weg zum eigenen Geschäft kommt es aber immer wieder auch zu unvorhergesehenen Ereignissen. Im Juni 2025 wurde Rongjiang von einer Flutkatastrophe heimgesucht. Die beiden Geschäfte von Liu Qinlan standen bis zum ersten Stock unter Wasser. Waren im Wert von über 300.000 Yuan wurden zerstört, ihre jahrelangen Ersparnisse waren mit einem Schlag auf null geschrumpft. In dieser Zeit war die junge Gründerin denkbar verzweifelt, erfuhr jedoch liebevolle Unterstützung von allen Seiten.
Menschen aus dem ganzen Land spendeten Geld und Hilfsgüter, die lokale Regierung leistete tatkräftige Hilfe und Verwandte sowie Freunde halfen dabei, den Schlamm zu beseitigen, neues Material zu beschaffen und das Geschäft wiederaufzubauen. Mitmenschlichkeit, die Liu bis heute zu Tränen rührt. Auch Liu selbst engagierte sich als Freiwillige. Über ihre Social-Media-Kanäle rief sie zu weiterer Unterstützung auf, lieferte täglich Hunderte von Lunchboxen an die Einsatzfront und half so ihrer Heimat, diese schwierige Zeit zu überstehen. Dank der Unterstützung vieler helfender Hände konnte sie ihr Geschäft bereits vier Tage nach der Flut wiedereröffnen und gehörte damit zu den ersten Geschäften in Rongjiang, die nach der Katastrophe den Betrieb wieder aufnahmen.
Dieses Erlebnis führte Liu noch deutlicher vor Augen, dass es beim ländlichen Aufschwung nicht nur um florierende Geschäfte geht, sondern vor allem um menschlichen Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe. Die älteren Frauen, die einst von Ackerbau und Schweinezucht gelebt hatten mit einem Jahreseinkommen von gerade einmal 1000 bis 2000 Yuan, verdienen heute in Lius Werkstätten monatlich 2000 bis 3000 Yuan. Besonders geschickte Handwerkerinnen erzielen sogar monatliche Einkünfte von über 10.000 Yuan. Vor allem aber müssen diese Frauen ihre Heimat nicht mehr verlassen, sondern können vor der Haustür Geld verdienen, was ihnen Sicherheit und Würde gibt.

Ein Fest der Farben: Beim Finale der „Village Super League“ 2026 in Guizhou ziehen Menschen in festlicher Tracht durch die Straßen.
Junge Menschen als Impulsgeber
Lius Einfluss reicht mittlerweile weit über Rongjiang hinaus. In ihrem von ihrer Mutter handgenähten traditionellen Kleid war sie schon an der renommierten Tsinghua-Universität in Beijing und auf internationalen Foren als Rednerin zu Gast, stellte dort der Welt das immaterielle Kulturerbe der Miao in Guizhou und die Geschichte der Dorfsuperliga vor. Das hat auch den Tourismus in der Region angekurbelt. Menschen aus aller Welt finden heute den Weg nach Rongjiang und sind fasziniert von den aufwendig gestalteten Trachten und der Miao-Kultur.
Von der Kindergärtnerin zur Millionärin – Lius Geschichte inspiriert auch andere junge Existenzgründerinnen und -gründer im Kreis. Sie gilt als wichtiges Erfolgsbeispiel für junge Rückkehrer, die im Rahmen der staatlichen Strategie zum ländlichen Aufschwung den Weg in die alte Heimat suchen. Lius Erfolg ist dabei nicht nur untrennbar verbunden mit der digitalen Reichweite und Aufmerksamkeit der Dorfsuperliga, sondern auch mit der Unterstützung der Regierung durch vorteilhafte politische Rahmenbedingungen und die Bereitstellung von Ressourcen. Ganz besonders aber ist ihr Erfolg das Resultat ihrer tiefer Überzeugung, in ihrer Heimat verwurzelt bleiben zu wollen, und des Wunsches, gemeinsam mit den Menschen vor Ort Wohlstand zu schaffen.
Liu sagt: „Wenn es der Dorfsuperliga und unserer Heimat gutgeht, dann geht es auch uns gut. Unser Ziel ist es letztlich, die Onlinereichweite real in die Dörfer zu tragen, direkte Bestellungen für die Landwirte zu generieren, handwerkliches Können in Einkommen zu verwandeln und dafür zu sorgen, dass ältere Menschen Arbeit haben, junge Menschen zuversichtlich in die Zukunft blicken und das immaterielle Kulturerbe weitergegeben wird.“
Es sind letztlich junge Rückkehrerinnen und Rückkehrer wie Liu Qinlan, die Chinas staatliche Strategie des ländlichen Aufschwungs mit Leben füllen. Sie kehren mit Weitblick, Fachwissen und Begeisterung zurück, verbinden städtische Ressourcen mit den Stärken des ländlichen Raums, kombinieren traditionelle Kultur mit dem modernen Markt und verschmelzen ihre persönlichen Träume mit dem Fortkommen der Heimat.

