Der Krönungssaal des Aachener Rathauses blickt auf Jahrhunderte europäischer Geschichte zurück. Doch im April 2026 stand er ganz im Zeichen einer Brücke, die weit über die Grenzen des eigenen Kontinents hinausreicht. Rund 150 geladene Gäste – darunter hochrangige politische Delegationen, Wirtschaftsvertreter, chinesische Studierende und engagierte Bürger – versammelten sich zu einem besonderen Festakt. Der Anlass: Das 40-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen der geschichtsträchtigen Kaiserstadt Aachen und der boomenden chinesischen Hafenmetropole Ningbo.
Was im Jahr 1986 mit der offiziellen Unterzeichnung der Partnerschaftsverträge begann, hat sich über vier Jahrzehnte hinweg zu einer der aktivsten, facettenreichsten und beständigsten chinesisch-deutschen Städtefreundschaften entwickelt. In einer Zeit, die von tiefgreifenden geopolitischen Veränderungen und globalen Herausforderungen geprägt ist, beweist diese Verbindung eindrucksvoll, dass kommunale Diplomatie und persönliche Begegnungen das Fundament für gegenseitiges Verständnis und dauerhafte Zusammenarbeit bilden. Mit über 9,8 Millionen Einwohnern ist Ningbo die mit Abstand größte Partnerstadt Aachens – und doch begegnen sich beide Seiten seit jeher auf Augenhöhe.

Im Krönungssaal: Aachens Bürgermeister Dr. Ralf Otten empfängt die Studierenden aus Ningbo zur Rathausführung
Die Geburtsstunde: Wie aus akademischer Freundschaft Diplomatie wurde
Um die Wurzeln dieser Partnerschaft zu verstehen, muss man zu den Anfängen zurückblicken, in die Mitte der 1980er Jahre. China befand sich damals inmitten einer historischen Phase der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping. Westliches Knowhow war gefragt, und das Interesse an Kooperationen im Bildungsbereich wuchs auf beiden Seiten rasant. Der eigentliche Funke für die Städtepartnerschaft sprang jedoch nicht in den politischen Gesprächen über, sondern im akademischen Umfeld.
Der Ursprung dieser historischen Verbindung liegt in der engen und freundschaftlichen Kooperation zwischen der FH Aachen und der damaligen Fachhochschule Ningbo. Die Dozenten erkannten früh das enorme Potenzial eines wissenschaftlichen Austausches zwischen der technikfokussierten Region Aachen und der aufstrebenden Region an der chinesischen Ostküste. Diese akademische Pionierarbeit trug schnell Früchte, sodass im Jahr 1986 die Partnerschaft zwischen den beiden Städten offiziell besiegelt werden konnte. Damit gehört Aachen zu den deutschen Vorreitern, die sehr früh den direkten Dialog mit der Volksrepublik China suchten und festigten.
Um diese junge Pflanze der Freundschaft institutionell zu stützen und auch in der Bürgerschaft zu verankern, folgte im Mai 1989 ein weiterer entscheidender Meilenstein: die Gründung des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Aachen-Ningbo. Unter der engagierten Leitung seines ersten Vorsitzenden, Prof. Helmut Strehl, machte es sich der Verein zur Aufgabe, die Partnerschaft mit Leben zu füllen, bürokratische Hürden abzubauen und den Austausch über alle gesellschaftlichen Bereiche hinweg zu koordinieren.

Die im Vergleich zu Ningbo beschauliche Aachener Innenstadt: Trotz Größenunterschied begegnet man sich auf Augenhöhe.
Der unermündliche Motor: Wissenschaft, Technologie und Innovation
Seit vier Jahrzehnten bilden Bildung und Innovation das Rückgrat der Zusammenarbeit. Was mit den ersten Kooperationen der FH Aachen begann, hat sich längst zu einem dichten Netzwerk ausgeweitet, in das auch die in China sehr berühmte RWTH Aachen eingebunden ist. Ningbo, das sich in den letzten Jahrzehnten von einer primär produktionsorientierten Stadt zu einer modernen Hightech-Metropole entwickelt hat, sieht in Aachen seit jeher ein leuchtendes Vorbild in Sachen Strukturwandel und Technologietransfer.
Der Austausch von Studierenden, Promovierenden und wissenschaftlichem Personal ist kontinuierlich gewachsen. Tausende junge Menschen aus Ningbo haben in den vergangenen 40 Jahren in Aachen studiert, promoviert und das Stadtbild sowie das akademische Leben in der Kaiserstadt bereichert. Viele von ihnen sind heute als Brückenbauer in führenden Positionen der chinesischen Wirtschaft und Wissenschaft tätig. Umgekehrt bietet die Partnerschaft Aachener Forschern und Studenten wertvolle Einblicke in die enorme Dynamik des chinesischen Innovationssystems. Gemeinsame Projekte in zukunftsweisenden Feldern wie Maschinenbau, Automation, nachhaltige Stadtentwicklung und Logistik zeigen, dass der Wissenstransfer längst keine Einbahnstraße mehr ist, sondern ein partnerschaftliches Geben und Nehmen.

Zu Besuch an der RWTH Aachen: Professor Kai-Uwe Schröder (l.) empfängt im November 2024 Beamtinnen aus Ningbo im Rahmen ihres zweimonatigen Fortbildungsprogramms.
Wirtschaft und Infrastruktur: Wenn Logistik auf Hightech trifft
Neben der Wissenschaft hat sich die wirtschaftliche Kooperation zu einer tragenden Säule entwickelt. Die strukturellen Voraussetzungen beider Regionen könnten kaum komplementärer sein: Aachen glänzt als Innovations- und Forschungshotspot im Herzen Europas mit einer enormen Dichte an Spin-offs und technologieorientierten Unternehmen. Ningbo hingegen verfügt über den Ningbo-Zhoushan-Hafen, der gemessen am Ladungsumschlag zu den größten und geschäftigsten Seehäfen der Welt gehört, und ist ein gigantisches Kraftzentrum der globalen Logistik und Fertigungsindustrie.
Über 150 Aachener Unternehmen pflegen heute geschäftliche Beziehungen zu China, nicht wenige davon haben über die Städtepartnerschaft den direkten Weg nach Ningbo gefunden. Regelmäßige Wirtschaftsdelegationen, die enge Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Aachen sowie die strategische Unterstützung durch die regionale Wirtschaftsförderungsagentur AGIT haben im Laufe der Jahre zahlreiche Kooperationen ermöglicht. Beim jüngsten Jubiläumsbesuch nutzte die Delegation aus Ningbo die Gelegenheit für einen intensiven Austausch mit der AGIT, um sich über neue Ansätze der Innovationsförderung zu informieren. Beide Städte eint die ständige Notwendigkeit, sich wirtschaftlich neu zu erfinden – Aachen meisterte den Abschied von der Kohleindustrie hin zur IT- und Mobilitätsregion, während Ningbo den Sprung von der „Werkbank“ zur digitalisierten Hightech-Produktion vollzieht.

Im Rahmen des 40-jährigen Städtepartnerschaftsjubiläums: Austausch zwischen der AGIT und einer Delegation aus Ningbo am 29. April 2026
Medizin und Soziales: Ein besonderes Highlight der Kooperation
Ein Bereich, der in der breiten Öffentlichkeit oft weniger sichtbar ist, aber eine tiefgehende menschliche Komponente besitzt, ist der medizinische Erfahrungs- und Personalaustausch. Seit vielen Jahren arbeiten Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte aus beiden Städten eng zusammen, um voneinander zu lernen und medizinische Standards weiterzuentwickeln.
Ein herausragendes Leuchtturmprojekt dieser medizinischen Zusammenarbeit ist die Partnerschaft mit dem Bethlehem-Gesundheitszentrum (Bethlehem-Hospital) im nahegelegenen Stolberg bei Aachen. Der regelmäßige Austausch von medizinischem Fachpersonal, gemeinsame Hospitationen und der fachliche Dialog über moderne Behandlungsmethoden und Krankenhausmanagement haben das Bethlehem-Hospital zu einem der Highlights der Städtefreundschaft gemacht. Dieser Sektor zeigt besonders deutlich, dass die Partnerschaft nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene funktioniert, sondern ganz konkret dem Wohl der Menschen beider Seiten dient.
Kultur, Jugend und Zivilgesellschaft: Das lebendige Herz der Partnerschaft
Ein Städtebündnis kann auf politischer Ebene noch so gut organisiert sein – es bleibt abstrakt, wenn es nicht von den Bürgern getragen wird. Genau hier liegt die große Stärke der Verbindung Aachen-Ningbo. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt das unermüdliche Engagement des Fördervereins.
Der Verein organisiert und unterstützt Schulpartnerschaften, die einen regelmäßigen Austausch von Schulklassen ermöglichen. Für Jugendliche aus Aachen und Ningbo ist die Reise in die jeweilige Partnerstadt oft eine prägende Lebenserfahrung, die Vorurteile abbaut und interkulturelle Kompetenzen stärkt. Hinzu kommen Kulturaustausche, die von gemeinsamen Kunstausstellungen über Musikprojekte bis hin zu kulinarischen Begegnungen reichen. Auch die Betreuung chinesischer Studierender in Aachen gehört zu den Kernaufgaben, um ihnen das Einleben in der neuen Heimat auf Zeit zu erleichtern.

Am 22. Juli 2026: Studierende der Ningbo University zu Besuch in Monschau im Rahmen ihres vierwöchigen Sommerkurses an der Sprachenakademie Aachen
Fazit und Ausblick: Vertrauen als Fundament für die Zukunft
Als Generalkonsul Yu Yong aus Düsseldorf, Führungsmitglied Lin Jian aus Ningbo und Vertreter Aachens beim Festakt im April 2026 das Wort ergriffen, schwang in allen Reden eine tiefe Dankbarkeit für das Erreichte mit. Zwei verdiente Aachener Vereinsmitglieder wurden im Rahmen des Festakts feierlich für ihren langjährigen, herausragenden Beitrag zur Städtefreundschaft ausgezeichnet – ein symbolischer Akt, der zeigt, dass es stets Einzelpersonen sind, die Geschichte schreiben.
Die Bilanz nach 40 Jahren ist durchweg positiv. Die Partnerschaft zwischen Aachen und Ningbo hat sich als krisenfest erwiesen. Sie hat neben SARS und Covid auch Phasen globaler Spannungen überdauert, weil das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen zwischen den Akteuren auf beiden Seiten tiefer verwurzelt ist als tagespolitische Schwankungen. Mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte und die anstehenden Herausforderungen – wie den globalen Umweltschutz, die digitale Transformation, die Integration künstlicher Intelligenz und den Ausbau nachhaltiger Mobilität – steht fest: Aachen und Ningbo werden diesen Weg auch in Zukunft gemeinsam gehen. Die Brücke, die 1986 gebaut wurde, ist heute stabiler und wichtiger denn je.
*Volker Hagen ist seit über 20 Jahren im China-Geschäft tätig, zunächst als Vertriebsmitarbeiter für einen Aachener Mittelständler, später dann als selbständiger Unternehmensberater für europäische KMUs. In dieser Funktion ist er regelmäßig in China, vornehmlich Ningbo. Seit zirka zwei Jahrzehnten arbeitet Hagen in unterschiedlichen Rollen im Verein Aachen-Ningbo mit, zurzeit als Vorstandsmitglied und Schatzmeister.
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