Landwirtschaft neu gedacht: So viel Smart-Tech steckt in einer Schale Reis

Über den endlosen Reisfeldern gleitet, fast geräuschlos, eine schwarze Drohne mit einer Geschwindigkeit von acht Metern pro Sekunde. Massen von Reissamen werden gleichmäßig von einer zentrifugalen Aussaatvorrichtung ausgeschleudert und präzise in den Boden eingebracht. In weniger als 30 Minuten ist so die Aussaat auf rund 20 Hektar Reisfeld erledigt – bequem aus der Luft. Was futuristisch anmuten mag, ist heute schon Realität auf diesem Superbauernhof im Dorf Liantang im südchinesischen Guangdong. Der Ort ist Teil des Bezirks Huangpu der Metropole Guangzhou.

In Huangpu entfaltet sich gerade eine echte Agrarrevolution – Drohnen, autonome Fahrzeuge und intelligente Bewässerungsventile krempeln hier die traditionelle Landwirtschaft um, schlagen ein neues, technologiegetriebenes Kapitel auf Chinas Feldern auf. Welche Veränderungen aber setzen ein, wenn Agrarwirtschaft auf künstliche Intelligenz trifft?


Hightech auf dem Acker: In der Provinz Guangdong sind vielfältige intelligente Agrargeräte wie KI-gesteuerte Reissortiermaschinen und unbemannte Reispflanzmaschinen im Einsatz. 

Eine Drohne als Feldmanager

„Eine unserer Drohnen kann 500 Mu Ackerland verwalten, also rund 33 Hektar, und den gesamten Anbauprozess autonom abwickeln“, erklärt uns Gong Jiaqin, Mitbegründer der Firma XAG, während er auf ein Fernüberwachungsbild zeigt.

Auf dem XAG-Bildschirm ist die Farmkarte in verschiedene Farbblöcke unterteilt – Grün steht für gutes Wachstum, Gelb für Bereiche, die verstärkte Aufmerksamkeit benötigen, und Rot zeigt Problemzonen an. Auf den Feldern stehen IoT-Geräte, also physische Gerätschaften, die mit Software und Netzwerkkonnektivität ausgestattet sind, um Daten zu sammeln und über das Internet auszutauschen. Das Internet der Dinge ist also auf Chinas Reis- und sonstigen Feldern angekommen. Man findet hier Bodensensoren, Wetterstationen und intelligente Kameras. Alle 15 Minuten senden sie einen Datensatz an das „Feldhirn“, das Rechenzentrum im Hintergrund. Temperatur, Feuchtigkeit, Lichtintensität, Bodenfruchtbarkeit – jeder Wert tanzt in Echtzeit über den Bildschirm.

Im 3000 Kilometer entfernten Kreis Yuli im Autonomen Gebiet Xinjiang ist es auf den 200 Hektar großen Super-Baumwollfeldern ebenfalls ungewöhnlich still. Keine Scharen von Pflückern sind zu sehen, nur Drohnen patrouillieren automatisch über den Feldern, autonome Fahrzeuge bewegen sich langsam entlang vorgegebener Routen, versorgen die Wurzeln jeder Baumwollpflanze mit Wasser und Düngemittel, präzise dosiert versteht sich.

Als dieses vollautomatisierte Baumwollfarmprojekt 2021 an den Start ging, schüttelten die örtlichen Baumwollbauern noch ungläubig die Köpfe: „200 Hektar Land mit zwei Personen bewirtschaften – völlig unmöglich!“ Doch die Macher sollten alle Skeptiker eines Besseren belehren. Bereits 2024 erreichte das Feld einen Durchschnittertrag von 529 Kilogramm nicht entkörnter Baumwolle pro Mu (ein Mu entspricht einem Fünfzehntel Hektar), wobei der Anteil an hochwertiger Baumwolle über 96 Prozent lag – ein Ergebnis im nationalen Spitzenfeld.

Die Zahlen sprechen für sich: Im Vergleich zu den umliegenden traditionell bewirtschafteten Baumwollfeldern verbuchte die Megaanbaufläche eine Ertragssteigerung von acht Prozent, bei gleichzeitiger Kostensenkung um 23 Prozent. Die Arbeitskosten fielen um 71,7 Prozent, die Wasser- und Stromkosten um 25,3 Prozent, die Pestizidkosten um 12,4 Prozent.

Vom Sprühgerät zum Alleskönner


Autonomer „Feldarbeiter“: eine Landwirtschaftsdrohne der Firma XAG

(Foto: Wang Zhe)

Im XAG-Showroom sind mehrere Agrardrohnen zentral positioniert. Mit einem Sprühtank bestückt können sie Pflanzenschutzmittel ausbringen; mit einem Streubehälter versehen, verteilen sie Dünger; wird stattdessen eine Kranvorrichtung montiert, können Obst oder Holz von Bergplantagen abtransportiert werden.

„Unsere Drohnen sind echte Allrounder, sie können sowohl sprühen als auch streuen und heben“, erklärt Chen Yousheng, Vizepräsident für intelligente Plattformen bei XAG. Das Schnellwechselsystem komme ohne komplizierte Schrauben aus. „Eine Person kann die Verriegelung im Handumdrehen alleine öffnen und das Modul innerhalb weniger Minuten wechseln“, sagt er.

Für die Landwirte müsse die Ausrüstung schließlich nicht nur „fliegen können“, sondern auch „bedienbar sein“. Chen Yousheng kennt die Bedürfnisse seiner Kunden. Die Einstiegshürde für den Betrieb landwirtschaftlicher Drohnen sei heute denkbar niedrig. „Wer ein handelsübliches Smartphone bedienen und durch TikTok scrollen kann, wird auch in der Lage sein, eine Drohne zu steuern“, sagt er.

Ein weiterer Faktor, der die Verbreitung beschleunigt, seien die stark gefallenen Preise. Vor zehn Jahren habe die erste Generation landwirtschaftlicher Drohnen mit einer Nutzlast von sechs Kilogramm noch über 100.000 Yuan gekostet. Heute liege der Preis für die größte Agrardrohne von XAG bei etwa 40.000 Yuan. Landwirte können damit sowohl ihre eigenen Felder bewirtschaften als auch Dienstleistungen für benachbarte Kleinbetriebe anbieten.

„Maschinen ersetzen Menschen“ – In der Landwirtschaft dringender als in der Fabrik

„Der Ersatz von Menschen durch Maschinen auf den Feldern ist ein unvermeidlicher Trend“, sagt Gong Jiaqin. In Fabriken seien bereits zahlreiche Roboter an der Produktion beteiligt, aber auf den Feldern würden viele körperlich anstrengende Arbeitsprozesse wie Sprühen, Düngen und Bewässern noch immer von Hand erledigt, abgesehen vom Einsatz großer Landmaschinen wie Traktoren und Mähdreschern.

Das Versprühen von Pflanzenschutzmitteln ist einer dieser schweren Arbeitsprozesse, die Gong aufzählt. Früher mussten Arbeiter mit wuchtigen Spritztanks auf dem Rücken die Felder ablaufen, was nicht nur körperlich anstrengend war, sondern auch das Risiko des Kontakts mit Pestiziden barg. Für Szenarien wie Obstgärten oder Gewächshäuser, in denen Drohnen aus der Luft ungeeignet sind, hat XAG Agrarroboter entwickelt. „Hauptziel ist zunächst die Trennung von Mensch und Pestizid“, erklärt uns Qian Shuting, Leiterin für öffentliche Angelegenheiten bei XAG. Die autonomen Agrarfahrzeuge vermieden direkten menschlichen Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln und verbesserten gleichzeitig durch präzises Sprühen die Effizienz und Wirkung.

In einer Ecke der Ausstellungshalle ist ein Chilifeld nachgebildet, versehen mit intelligenten Bewässerungsventilen. Nach der Installation des Systems müssen die Landwirte nicht mehr ständig zu den Feldern laufen, um die Ventile zu öffnen oder zu schließen. Bewässerungszeit und -menge lassen sich dann einfach per Smartphone aus der Ferne steuern.

In der Stadt Zhuhai in Guangdong nutzt die Demonstrationszone für moderne Landwirtschaft des Großraums Guangdong-Hongkong-Macao eine vollständig intelligente Umweltregelung, hängende Kultivierungssysteme und autonome Robotersysteme für die Nachernte. Der Jahresertrag von Rispentomaten erreicht dort so 20 Tonnen pro Mu, zwanzigmal mehr als im traditionellen Freilandanbau.

Gong Jiaqin hat noch ein weiteres Beispiel parat: Kaffeeanbau in Bergregionen. Aufgrund großer Höhenunterschiede sei der Wasserdruck in den Leitungen dort oft ungleichmäßig. Früher waren erfahrene Arbeiter nötig, die täglich nach Gefühl die Wassermenge regulierten, um jede Kaffeepflanze möglichst gleichmäßig mit Feuchtigkeit zu versorgen. Was Sensoren, das Internet der Dinge und intelligente Steuerungssysteme auf die Felder bringen, verändert genau diese Prozesse, die früher auf menschlicher Beobachtung und auf Erfahrungswerten beruhten.

Der Aufstieg von 140.000 „neuen Landwirten“


Durstige Schoten: Auf diesem nachgebildeten Chilifeld erfolgt die Bewässerung über intelligente Ventile.

Bis März 2026 hat XAG weltweit insgesamt über 4400 Patente angemeldet, darunter mehr als 1300 Erfindungspatente. Die intelligenten Agrarroboter des chinesischen Hightech-Herstellers werden über ein Händlernetz in fast 70 Ländern und Regionen vertrieben.

Noch wichtiger ist: Die Technologie verändert nicht nur die Produktionsweise, sondern auch die Zusammensetzung der Belegschaft. „Dank der technologischen Neuerungen kehren viele junge Leute mit einem Riecher für Trends, insbesondere auch immer mehr Hochschulabsolventen in die Dörfer zurück, um intelligente Landwirtschaftsbetriebe zu gründen“, sagt Gong. Ihr Unternehmen habe landesweit bereits über 140.000 solcher „neuen Landwirte“ ausgebildet.

Chinas Modernisierung ist untrennbar mit der Erneuerung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums verbunden. Wenn eine Drohne dutzende Arbeitskräfte ersetzen kann, wenn ein „Feldhirn“ den Wasser- und Düngerbedarf jeder einzelnen Pflanze präzise berechnen kann, wenn zwei junge Leute 200 Hektar Baumwollfelder bewirtschaften können, dann erlebt die chinesische Landwirtschaft einen tiefgreifenden Wandel der Produktivkräfte.


Neue Landwirte nehmen neue Produkte in Augenschein: Im Juli fand in Dali in der Provinz Yunnan die XAG-Konferenz für neue Landwirte statt. (Bild: XAG)

Dieser Wandel besteht nicht einfach darin, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, sondern die alte Frage neu zu beantworten, wer Landwirtschaft betreibt und wie. 140.000 Talente für intelligente Landwirtschaft bedeuten das Heranreifen einer ganzen Generation neuer Landwirte. Sie befassen sich mit traditionellen Herausforderungen, lösen diese aber auf neuem Wege. Das Zauberwort lautet: smarte Technologie.

Der 15. Fünfjahresplan der Provinz Guangdong sieht vor, systematisch zahlreiche Projekte umzusetzen, um abgestimmte Fortschritte zu erwirken, und zwar mit Blick auf gutes Ackerland, hochwertige Sorten, leistungsstarke Maschinen und effektive Methoden. Von Huangpu in Guangdong bis nach Yuli in Xinjiang, von Nassreisfeldern bis zu Trockenfeldern, von Drohnen bis zu autonomen Fahrzeugen – die Transformation hin zu einer datengesteuerten, maschinenbetriebenen, personalarmen und effizienten Smart-Landwirtschaft ist in China in vollem Gange. Gong Jiaqin sagt: „Das ultimative Ziel der landwirtschaftlichen Modernisierung ist nicht, mehr Maschinen auf die Felder zu bringen, sondern für stabile, kostengünstige und nachhaltige Produktionskapazitäten auf den Ackerflächen zu sorgen.“

Wenn Daten zu neuen landwirtschaftlichen Betriebsmitteln werden und Sensoren zu neuen landwirtschaftlichen Geräten, wird das „Fundament“ der chinesischen Landwirtschaft intelligenter, grüner und selbstbewusster. Doch Herausforderungen bleiben dennoch bestehen: So harrt die Durchdringungsrate intelligenter Agrargeräte weiterer Steigerung, die Vernetzung landwirtschaftlicher Daten weiterer Verbesserung. Auch ist die Zahl von 140.000 „neuen Landwirten“ im Vergleich zur Gesamtzahl von Hunderten Millionen Bauern in China noch immer klein. Die landwirtschaftliche Revolution hat also gerade erst begonnen.