Denios in Changzhou: Wie ein deutscher Hidden Champion in zehn Jahren in China Fuß fasste

Wenn ein Lithium-Ionen-Akku thermisch durchgeht, schießt die Temperatur schon mal innerhalb weniger Sekunden auf 800 Grad Celsius hoch. Und in einem Gefahrstofflager kann die falsche Lagerung unterschiedlicher flüssiger Chemikalien eine Katastrophe auslösen. Doch wo Gefahr lauert, wächst auch die Kunst des Schutzes. Im ostchinesischen Changzhou in der Provinz Jiangsu hat sich ein deutscher Hidden Champion aus dem Bereich Gefahrstofflagerung und Arbeitsschutz auf genau diese Kunst spezialisiert – mit umfassenden Lösungen für Brand-, Explosions-, Auslauf- und ESD-Schutz. So wird sichergestellt, dass jedes Gefahrengut einen sicheren Lagerort bekommt.

In diesem Jahr feiert Denios mit Hauptsitz in Bad Oeynhausen sein zehnjähriges Bestehen in China. Vom angemieteten Werk zum eigenen Produktionsstandort, von der Versorgung Chinas zum regionalen Drehkreuz für ganz Asien – die Entwicklung des deutschen Mittelständlers ist mehr als eine bloße Wachstumsgeschichte. Sie ist Sinnbild des Wandels der chinesisch-deutschen Industriekooperation insgesamt vom reinen Produktvertrieb über lokale Produktion bis hin zur gemeinsamen Ergreifung von Chancen.


Kooperationsprojekt: ein Blick auf den Sino-German Innovation Industry Park in Changzhou

Standortwahl mit Weitblick

2016 wagte Denios mit seiner ersten Niederlassung in Taicang den Schritt auf den chinesischen Markt. Mit dem rasanten Geschäftswachstum stellte sich jedoch bald die Frage nach einem langfristigen Standort mit Perspektive. „2018 startete gerade der Aufbau des Sino-German Innovation Industry Park (SGIP) in Changzhou. Wir erkannten sofort, dass der Bezirk Jintan auf dem besten Weg war, ein echtes industrielles Ökosystem für Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum aufzubauen – von der Lieferkette bis hin zur Unternehmensdienstleistung“, sagt Yin Huan, Geschäftsführerin von Denios Safety Equipment Changzhou.

Für Unternehmen wie Denios, die in der mittleren bis oberen Wertschöpfungskette agieren, sei ein industrielles Ökosystem, das passgenau auf die eigenen technologischen Ansprüche zugeschnitten sei, die „harte Währung“ bei der Standortwahl, sagt Yin. „Die Qualität des Geschäftsumfelds hingegen ist eher ein weicher Maßstab, nämlich dafür, ob man sich langfristig etablieren kann.“

Vorsicht, Urzeitgetier! Das Dinoland in Changzhou gilt als „Jurassic Park des Ostens“.

„Professionalität, Effizienz und Herzlichkeit“ – mit diesen drei Wörtern fasst Yin Huan die Erfahrungen mit dem Standort Jintan zusammen. „Die Professionalität zeigt sich im Verständnis der Regierung für die Industrie. Es geht schließlich nicht nur um die reine Anwerbung von Investitionen, sondern auch um echtes Wissen darüber, welche Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen jede einzelne Branche benötigt, von der Effizienz ganz zu schweigen. Von der Anmietung von Produktionshallen über den Bau unserer eigenen Fabrik bis hin zur Erweiterungsplanung lief jeder Schritt hier in Jintan reibungslos und schnell“, lobt sie. Der Alltag sei derweil von Herzlichkeit geprägt. „Zu jeder Zeit steht uns ein Ansprechpartner zur Seite, Förderprogramme werden proaktiv kommuniziert. Dieses Prinzip von ‚nicht stören, aber immer zur Stelle sein‘ vermittelt uns als ausländischem Unternehmen ein echtes Gefühl von Verlässlichkeit.“

Service, der überzeugte. 2019 ließ sich Denios offiziell in Jintan nieder, zunächst in angemieteten Hallen. 2024 folgte dann die Inbetriebnahme des eigenen örtlichen Werks mit nahezu doppelter Produktionsfläche. Damit ist der Standort Changzhou nicht nur die erste Fertigungsstätte des deutschen Unternehmens in China, sondern wurde auch zum Tor zum asiatischen Markt. Yin Huan resümiert: „Die Eröffnung eines eigenen Werkes hier vor Ort war wirklich ein zentraler Schritt.“

Das Denios-Werk im Sino-German Innovation Industry Park in Changzhou

Strategische Neuausrichtung durch lokale Produktion

Innerhalb weniger Jahre stieg der Umsatz von Denios in China sprunghaft von einigen Millionen auf über zwanzig Millionen. Hinter dem rasanten Wachstum steht das Zusammenwirken mehrerer Faktoren.

Am 1. Mai dieses Jahres trat in China ein neues Gesetz über Chemikaliensicherheit in Kraft – ein bedeutender Schritt, der unter anderem die rechtliche Verbindlichkeit von Gefahrstoffschränken festgeschrieben hat. Damit werden die Lösungen von Denios von einer optionalen Wahl zur gesetzlich geforderten Notwendigkeit – der Markt öffnete sich also schlagartig.

Die Chancen aber gehen noch weit darüber hinaus. „Wir haben gleich mehrere Hochwachstumsfelder ins Visier genommen“, sagt Yin. Der Bedarfsboom bei der sicheren Lagerung in der Lithium-Batterie-Branche, der dringende Bedarf an Compliance-Verbesserungen in der chemischen und pharmazeutischen Industrie sowie die hohe Nachfrage nach hochwertigen Lagerlösungen in der Produktionskette für neue Energien – all das seien Felder, auf denen Denios technologisch zu Hause sei.

Hell und modern: eine Produktionshalle im Denios-Werk im chinesischen Changzhou

Die genannten Sektoren sind Ausdruck von Chinas tiefgreifender Transformation von der „Werkbank der Welt“ zum globalen Industriezentrum. Befeuert wird dieser rasche Wandel durch Kapazitätsausbau, verschärfte Regulierung und die Energiewende.

Bei allen Chancen, die sich bieten, gilt jedoch: Die Produktionskapazität muss mithalten können. Und hier kommt Denios seine Lokalisierungsstrategie klar zugute. „Wir setzen auf ein Modell, das technische Standards aus Deutschland mit lokaler chinesischer Fertigung kombiniert“, erklärt Zhuang Yuan, Technologie- und Betriebsleiter des Unternehmens. Vom Produktdesign über die Lieferkette bis hin zu den Fertigungsprozessen habe der Mittelständler tiefgehende lokale Anpassung vorgenommen, sagt er.

Die Vorteile dieses Modells zeigten sich besonders im Bereich Lieferung. Als man noch vollständig auf Importe aus Deutschland angewiesen gewesen sei, konnte die Zeit von der Bestellung zur Auslieferung für einen Sicherheitsschrank manchmal einige Monate dauern, sagt Zhuang. Seit der Lokalisierung könne man Standard-Brandschutzschränke nun in 15 bis 20 Tagen ausliefern, und auch ein Lithium-Batterie-Ladeschrank mit 90-minütigem Feuerwiderstand sei heute innerhalb eines Monats beim Kunden. Darüber hinaus ermögliche die Lokalisierung eine schnellere Reaktion im Kundendienst und flexiblere Anpassungsmöglichkeiten. „Kein Produktionsbetrieb muss mehr stillstehen, nur um auf einen Sicherheitsschrank zu warten. Das bedeutet handfeste Kosteneinsparungen“, sagt Zhuang.

Cluster-Effekt: Fast einhundert DACH-Unternehmen

Die Erfolgsgeschichte von Denios ist kein Einzelfall im chinesisch-deutschen Innovationsindustriepark in Changzhou. Seit seiner offiziellen Eröffnung 2020 hat der SGIP insgesamt 96 Unternehmen aus dem DACH-Raum, also Deutschland, Österreich und der Schweiz, mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von über 2,4 Milliarden Euro angezogen. Sie fügen sich nahtlos in die fünf Schwerpunktindustrien des Bezirks Jintan ein – neue Energien, neue Infrastruktur, neue Materialien, neue Medizintechnik und intelligente Ausrüstung – und bilden so ein einzigartiges industrielles Cluster.

Vorstellung des Sino-German Innovationsparks auf dem chinesisch-deutschen Kooperationsforum für Wirtschaft im Jahr 2024 in Stuttgart

Angesichts der Gründlichkeit deutscher Investitionsentscheidungen stellt sich die Frage: Warum gerade hier? Die Antwort sehen viele in der langfristigen Entwicklungsphilosophie des Standorts. Kong Dexin, Leiter des Verwaltungsbüros des SGIP, bringt es auf eine Formel: „Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum denken in Generationen. In der Regel beobachten sie ein Projekt zunächst drei bis fünf Jahre, um zu entscheiden, ob sie kommen sollen, investieren dann weitere drei bis fünf Jahre mit geringem Kapitaleinsatz, um die Rahmenbedingungen zu testen, zu prüfen, ob man zusammenpasst, und entscheiden erst dann, ob sie langfristig bleiben wollen.“

Die Vizeleiterin des SGIP-Verwaltungsbüros, Wang Lu, spricht derweil von „gegenseitiger Verwurzelung“. Sie sagt: „Deutsche Unternehmen legen größten Wert auf Regeltreue, Nachhaltigkeit und die Sicherheit ihrer Lieferketten. Mit kurzfristigen Subventionen sind sie nicht zu locken.“ Nur durch den Aufbau eines robusten Industriestandorts, verlässliche Dienstleistungen und echtes Vertrauen lasse sich eine Win-win-Partnerschaft erreichen, sagt sie.

Mit Blick auf die Zukunft ist der Entwicklungspfad des SGIP klar umrissen: Bis Ende 2026 will man die Marke von 100 Unternehmen aus dem DACH-Raum erreicht haben, bis Ende der Periode des 15. Fünfjahresplans im Jahr 2030 mehr als 160 solcher Firmen angezogen haben. Gleichzeitig streben die Verantwortlichen einen Aufstieg in der Wertschöpfung an. Die Richtung soll von reiner Fertigung hin zu Forschung und Innovation sowie der Errichtung von regionalen Asien-Pazifik-Hauptsitzen gehen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die noch stärkere Abstimmung und Verbindung von Deutschlands Initiative „Industrie 4.0“ und Chinas Strategie „Intelligente Fertigung in China“. Das Ziel ist klar: Es soll ein höherrangiges Innovationszentrum von Weltruf entstehen.

Und Denios? Das deutsche Unternehmen steuert mit vollem Tempo auf eine neue Entwicklungsphase zu. Yin Huan kündigt an: „Wir werden unser Engagement in China weiter ausbauen. Mit den geplanten zweiten und dritten Ausbauphasen unseres Werks wird Changzhou zum Fertigungs- und Dienstleistungszentrum unserer Firma für ganz Asien aufsteigen.“

Vom Einzelunternehmen zum Teil eines Industrieclusters, von produktbezogener Zusammenarbeit zum gemeinsamen Aufbau eines industriellen Ökosystems – die Erfolgsgeschichte von Denios in Changzhou geht also weiter. Die kleine Stadt in Jiangsu wird damit zunehmend zu einem Leuchtturm, an dem sich immer mehr deutsche Hidden Champions bei ihrem China-Engagement orientieren.