Brückenbauer Felix Kurz: „Freundschaften sind die Grundlage für eine friedliche Welt“

Seit mehr als drei Jahrzehnten pendelt Felix Kurz zwischen China und Deutschland und damit zwischen den Kulturen. Der frühere „Spiegel“-Redakteur, Autor, Unternehmer und Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft der Metropolregion Rhein-Neckar e.V. (GDCF MRN) setzt dabei vor allem auf interkulturellen Austausch. Im Gespräch mit „Dialog China-Deutschland“ erklärt der Brückenbauer, warum persönliche Begegnungen und wirtschaftliche Kooperation für ihn Teil ein und derselben Mission sind: Menschen zusammenbringen, Vertrauen bilden, gemeinsame Interessen sichtbar machen.

Fußball als gemeinsame Sprache

Kurz sagt: „Unser Ziel besteht darin, persönliche Begegnungen zwischen Menschen aus Deutschland und China, diesen beiden sehr unterschiedlichen Kulturen, zu ermöglichen. Denn nur dadurch ist es möglich, einander kennenzulernen und sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden. Freundschaften sind die Grundlage für eine friedliche Welt.“ Getragen von diesem Wunsch engagiert sich der langjährige China-Kenner seit geraumer Zeit für die Völkerverständigung. Früh erkannte er, dass der Sport ein guter, unpolitischer Brückenbauer sein kann.

 

Voller Einsatz im Namen der Völkerverständigung: Szene beim 9. Chinesisch-Deutschen U16-Jugendfußball-Freundschaftsturnier im August 2026, ausgetragen in Nantong in der Provinz Jiangsu sowie in der Xiongan New Area in Hebei.

2012 initiierte Kurz das Chinesisch-Deutsche U16-Jugendfußballturnier, gemeinsam mit Klaus Schlappner, dem früheren Trainer der chinesischen Nationalmannschaft, und Norbert Egger, dem ehemaligen Ersten Bürgermeister Mannheims. Mit Unterstützung der Gesellschaft des Chinesischen Volkes für Freundschaft mit dem Ausland entwickelte sich daraus ein langfristiges Jugendaustauschprojekt, das abwechselnd in Deutschland und China stattfindet. Inzwischen haben rund 4500 Jugendliche aus über 40 Vereinen und Schulmannschaften mitgemacht.

Aus Sicht von Felix Kurz ist Fußball letztlich „eine Plattform, auf der sich Menschen treffen“. Auf dem Platz zähle nicht, ob jemand Manager, Arbeiter oder Schüler sei. „Entscheidend sind das Team, gemeinsame Regeln und die Freude am Spiel“, betont er.

Sowohl in China als auch in Deutschland werden die sportlichen Wettkämpfe, die er und seine Mitstreiter organisieren, durch ein sehr abwechslungsreiches interkulturelles Programm ergänzt. Schulbesuche, interkulturelle Workshops, gemeinsames Essen und Ausflüge gehören ebenso dazu wie die Matches auf dem Rasen. So könnten auf Basis des sportlichen Austausches auch andere Kooperationsprojekte unter den Jugendlichen entstehen. Ein konkretes Ergebnis ist etwa die Schulpartnerschaft zwischen der Max-Weber-Schule in Sinsheim und der Huimin-Mittelschule  in Shenyang.

„Junge Menschen haben noch nicht so viele Vorurteile gegenüber China wie Erwachsene“, ist Kurz überzeugt. Die Jugendlichen könnten sich vor Ort ein eigenes Bild machen, statt Vorstellungen über das jeweils andere Land nur aus Medien oder Erzählungen zu übernehmen. Kurz berichtet zudem vom durchweg positiven Feedback vieler junger Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

2026 fand das Turnier zum neunten Mal statt, und zwar in Nantong in der Provinz Jiangsu sowie in Xiong'an in Hebei. Erstmals reisten drei deutsche Teams gemeinsam nach China: der SV Waldhof Mannheim, eine Auswahl aus der Metropolregion Rhein-Neckar und eine Jugendmannschaft des Bundesligisten 1. FC Union Berlin. Damit reicht das Teilnehmerfeld heute vom regionalen Vereinsfußball bis zum Nachwuchs eines Bundesligaklubs.

„Dass wir in diesem Jahr gleich mit drei Teams nach China gereist sind, zeigt ganz deutlich, dass das Interesse an China wieder wächst, insbesondere bei der jüngeren Generation“, sagt Initiator Kurz nicht ohne Stolz. „Ich bin relativ optimistisch, dass in Zukunft auf der People-to-People-Ebene wieder mehr Zusammenarbeit entstehen wird.“

 

Fußball kennt keine Ländergrenzen: Das Leder bringt junge Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen zusammen. (Foto: Interviewpartner)

„Kulturbereich noch ausbaufähig“

Die kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen China und Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren stetig intensiviert und reiche Früchte getragen. Es bestehen beispielsweise schon über 100 Städtepartnerschaften zwischen beiden Ländern bzw. Partnerschaften zwischen Provinzen und Bundesländern. Hinzu kommen zahlreiche beiderseitige Freundschaftsgesellschaften und Vereine, die Aktivitäten für den direkten Austausch zwischen Menschen organisieren. Dadurch bleiben die Kontakte auch in politisch schwierigen Zeiten lebendig.

Als Vorstandsvorsitzender der GDCF MRN und Vizepräsident der Allianz Deutscher China-Gesellschaften (ADCG) a.D. organisiert Tausendsassa Kurz auch Informationsveranstaltungen und Delegationsreisen, stößt Schul-, Städte- und Wirtschaftskontakte an. Mit den erreichten Erfolgen aber will sich der Deutsche noch nicht zufriedengeben. Es gebe durchaus noch Nachholbedarf beim Brückenbau zwischen beiden Ländern, betont er.

Sport- und Wirtschaftsbeziehungen funktionierten vielerorts sehr gut, zudem würdigten viele Deutsche Chinas lange Geschichte und zollten Chinas Entwicklungserfolgen der letzten Jahrzehnte Respekt, geizt Kurz nicht mit Lob. Er räumt jedoch auch ein: „Häufig bestehen noch Wissenslücken, weil China im deutschen Schulunterricht kaum vorkommt.“ Zwar seien Konfuzius, Laozi, Kung-Fu oder die Traditionelle Chinesische Medizin vielen ein Begriff, so Kurz, über chinesische Kunst, Literatur und Geschichte wisse man aber nur wenig. „Der Kulturbereich ist noch ausbaufähig. Gerade hier müssten beide Seiten aber mehr voneinander lernen“, findet er.

 

Gesang als Brücke: Konzert des chinesisch-deutschen Jugendaustausches in Essen 2025

Felix Kurz ist einer der Mitbegründer der renommierten Tageszeitung „taz“, war zudem unter anderem fast 20 Jahre beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ als Redakteur tätig. Aus seiner langjährigen Erfahrung im Journalismus weiß er: „Die genannte Wissenslücke wird zusätzlich durch die kritische China-Berichterstattung in Deutschland und Europa verschärft.“

Der erfahrene Journalist stellt fest, dass sich im Vergleich zu früher kaum etwas geändert habe. Viele Medien vermittelten noch immer ein stark negatives China-Bild, ließen Entwicklungen und Alltagsleben zu wenig sichtbar werden, bedauert er.

Vor diesem Hintergrund bekräftigt er noch einmal die Bedeutung persönlicher Begegnungen. „Wer das andere Land selbst erlebt, kann Vorurteile prüfen und sich ein fundierteres Urteil bilden. So bringen persönliche Begegnungen Erfahrungen in die öffentliche Wahrnehmung ein, die im medialen China-Bild häufig fehlen.“

Im Februar war Bundeskanzler Friedrich Merz nach China gereist und hatte sich mit Staatspräsident Xi Jinping getroffen. Bei ihrem Zusammentreffen hatten die Staats- und Regierungschefs betont, beide Länder wollten auch in Zukunft enge Partner im Kulturbereich bleiben. GDCF-MRN-Vorstandsvorsitzender Kurz wertet das als Signal, dass nun noch mehr Bewegung in den Kulturaustausch kommen dürfte. „Wenn Menschen sich auf Augenhöhe treffen, können sie gemeinsam alles Mögliche erreichen“, ist er überzeugt.

Aus Vertrauen erwächst Wirtschaftskooperation

Für Kurz endet Verständigung jedoch nicht beim kulturellen Austausch. Persönliche Begegnungen schaffen aus seiner Sicht auch die Grundlage für langfristige wirtschaftliche Kooperationen.

Kurz selbst kam 1990 erstmals beruflich nach China, hat das Land seither weit mehr als einhundertmal besucht. Heute verfügt er über ein weitreichendes Netzwerk in der Volksrepublik. Seine langjährige China-Erfahrung floss auch in zwei Firmengründungen mit ein: Mit seinen Startups „kurzup“, einer Agentur für strategische Kommunikation und Public Relations in Mannheim, und dem Netzwerk MEI WEN TI begleitet Kurz wirtschaftliche Kontakte in beide Richtungen.

Als Geschäftsmann komme er an China selbstverständlich nicht vorbei, sagt Kurz. Für ihn sei die Entwicklung der Volksrepublik „beispiellos“: Städte, Infrastruktur, Lebensstandard, Wissenschaft und Industrie hätten sich in einem Tempo verändert, das vor 30 Jahren kaum vorstellbar gewesen sei. „Da kann man dem chinesischen Volk nur gratulieren“, sagt er.

Was ihn am meisten beeindrucke, sei das wirtschaftliche Image Chinas. Das Land stehe nicht mehr nur für günstige Produktion, sondern gehöre mittlerweile auch zu den führenden Innovationsnationen der Welt, liege in einzelnen Technologien gar ganz vorne. Diese Konkurrenz müsse Europa zu eigener Leistung anspornen, schließe Zusammenarbeit aber nicht aus. Potenzial sieht der Deutsche besonders beim Klima- und Umweltschutz, in Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, im Gesundheitswesen sowie bei Industrie, Handel und Investitionen. „Eigentlich will ich keinen Bereich ausschließen“, betont er, denn globale Aufgaben ließen sich schließlich nur gemeinsam bewältigen.

 

Showtime: der chinesische Autobauer Xpeng auf der Hannover Messe 2026

Anfang Juli gab das chinesische Handelsministerium bekannt, dass beide Länder vereinbart hätten, ihren gemischten Wirtschaftsausschuss wieder einzusetzen und jeweils eine Arbeitsgruppe für Handel und Investitionen sowie für industrielle Zusammenarbeit einzurichten. Ziel sei es, stabile, ausgewogene und nachhaltige Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu fördern.

Für Unternehmer Felix Kurz sendet das ein bedeutungsvolles Signal: Nach politischen Spannungen brauche die enge Verflechtung wieder verlässliche Kanäle, den Dialog über bestehende Differenzen und konkrete Ergebnisse. Eine dauerhafte Abkehr voneinander liege weder im Interesse der Unternehmen noch der Bevölkerung, so Kurz.

Für die Zukunft erwartet der Kulturmittler keine konfliktfreie, aber eine pragmatischere Partnerschaft, in der Wettbewerb und Kooperation gleichzeitig möglich blieben. „Generell bin ich optimistisch“, sagt Kurz zum Abschluss. Die US-Politik durchlaufe aktuell einen Wandel. Mit der früheren westlichen Dominanz sei es vorbei – viele Länder, allen voran China, aber auch Südafrika, Brasilien und Saudi-Arabien, würden selbstbewusster, entwickelten sich weiter. Diese Entwicklung hin zu einer multipolaren Weltordnung bewertet der Deutsche als positiv. Auch in Europa wachse das Bewusstsein für die Tatsache zunehmend.