Jenseits von Rivalität und Differenzen: So gelingt eine China-EU-Partnerschaft auf Augenhöhe

Seit Jahrzehnten pflegen China und die EU eine Partnerschaft, die sich mit wachsenden Facetten beschäftigt – von bilateralen Fragen über regionale Angelegenheiten bis hin zu globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, Pandemien und der Wahrung einer stabilen internationalen Wirtschaftsordnung. Zwar umfasst die bilaterale Kooperation auch Außenpolitik, Sicherheitsbelange und den Kulturbereich, doch den Löwenanteil macht seit jeher die Zusammenarbeit bei Handel und Investitionen aus. Seit langem ist China für die EU das wichtigste Herkunftsland von Einfuhren und ein bedeutendes Zielgebiet für Güterexporte. Zusammen erwirtschaften beide Seiten fast 30 Prozent des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen, steuern ein Drittel zur globalen Wirtschaftsleistung bei.

Dennoch nehmen Teile der europäischen Öffentlichkeit China verstärkt als Wettbewerber, Systemrivale und Risiko für Europas wirtschaftliche Sicherheit wahr. Man verweist hier auf wachsende Konkurrenz in manchen Schlüsselsektoren, fürchtet sich vor einer Überflutung des europäischen Marktes mit chinesischen Produkten und kreidet vermeintlich unfaire Wettbewerbsbedingungen an. Solche Stimmen dämpfen nicht nur die Handelsstimmung bei, sie belasten auch die zivilgesellschaftliche Wahrnehmung. Doch halten diese Vorwürfe einer sachlichen Betrachtung stand? Ein Faktencheck.

 

Am EU-Hauptsitz in Brüssel: Am 29. Juni 2026 leiteten Handelsminister Wang Wentao und der EU-Kommissar für Handel und Wirtschaftliche Sicherheit Maroš Šefčovič gemeinsam die erste Sitzung des chinesisch-europäischen Konsultationsmechanismus für Handel und Investitionen.

Enge Verflechtung schließt Entkopplung aus

Die EU und China sind jeweils der zweitgrößte Handelspartner des anderen. Dies spiegelt sich zum einen im gegenseitigen Güterverkehr wider: Laut der chinesischen Hauptzollverwaltung erreichte das Volumen des bilateralen Warenverkehrs im ersten Halbjahr 2026 447,88 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 14,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch kapitalmäßig sind beide Seiten eng miteinander verbunden. Der Bestand an gegenseitigen Direktinvestitionen überschritt laut Daten des chinesischen Handelsministeriums Ende 2024 die Marke von 260 Milliarden US-Dollar, wobei europäische Firmen über 150 Milliarden US-Dollar in China investierten und chinesische knapp 110 Milliarden US-Dollar in der EU. Dabei bilden Greenfield-Projekte, M&A und der Automobilsektor die drei wichtigsten Säulen.

Neben klassischen Industriebranchen existieren auch zahlreiche Nischenmärkte für die künftige bilaterale Zusammenarbeit – etwa in den Feldern grüne Technologie, digitale Infrastruktur, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Mobilität. Die im April 2025 gemeinsam unterzeichnete Absichtserklärung über grüne Technologiekooperation zielt auf einen Kapitaleinsatz von 15 Milliarden Euro über drei Jahre, und zwar für Wasserstoff, CO-Abscheidung und -Speicherung sowie andere verwandte Bereiche. Um grüne Schifffahrtskorridore aufzubauen und die kohlenstoffarme Hafenzusammenarbeit zwischen China und Europa zu fördern, hat der Port Ningbo-Zhoushan mit jeweils drei europäischen Häfen eigene Initiativen gestartet. Kooperationsprojekte wie diese belegen die enge Verflechtung zwischen den beiden großen Volkswirtschaften, auch in Zukunft.

 

Unterwegs von Wuhan nach Duisburg: Dieser Güterzug bringt am 10. Juli 2024 Textilien, Bekleidung, medizinisches Material und Elektronikprodukte von China nach Deutschland.

Konsultationsmechanismus für Handel und Investitionen als institutionelle Innovation

Am 29. Juni 2026 eröffneten Chinas Handelsminister Wang Wentao und der EU-Kommissar für Handel und wirtschaftliche Sicherheit, Maroš Šefčovič, die erste Routinesitzung des neu geschaffenen Konsultationsmechanismus für Handel und Investitionen. In einer gemeinsamen Erklärung betonte man, mit Reibungen und Differenzen pragmatisch umgehen zu wollen, und kündigte an, Konflikte durch Dialog statt durch Handelskriege zu bewältigen. Nur wenn man gegenseitige Anliegen im Blick behalte und das Gegenüber stets respektiere, könne sich die Wirtschafts- und Handelspartnerschaft ausgewogen, stabil und gesund entwickeln.

Der genannte Mechanismus zielt darauf ab, den auf politischer Ebene erreichten Konsens umzusetzen, Einwände beizulegen und neue Investitionsmöglichkeiten zu erschließen. Geschehen soll dies in vier Arbeitsfeldern: Handels- und Investitionsausgleich, Exportkontrollen, Schutz des geistigen Eigentums sowie WTO-Reformen. Vorgesehen sind jährlich ein bis zwei Ministertreffen, flankiert durch regelmäßige Expertenrunden.

 

Einhunderttausendste Fahrt: Am 3. Dezember 2024 erreichte ein Güterzug aus Chongqing planmäßig die Stadt Duisburg. Damit überschritt die Gesamtzahl der China-Europa-Güterzüge die Marke von 100.000 Fahrten. Unser Bild zeigt chinesische und deutsche Gäste bei der Begrüßungszeremonie anlässlich dieses Meilensteins. 

EU-Strukturdilemma sorgt für Protektionismus

Trotz dieses positiven Dialogsignals häufen sich seit Wochen einige Verfahren. Dabei geht es um Antidumpingzölle auf Reifen (4,3 bis 45,3 Prozent) und Polyamidgarn (60 bis 67,6 Prozent) sowie eine Untersuchung gegen Pekingenten. Am 20. Juli kam zudem eine 550-Millionen-Euro-Strafe gegen AliExpress nach dem Digital Services Act hinzu. Diese Schritte bilden keine Einzelfälle: Bereits seit 2024 unterliegen chinesische Elektrofahrzeuge EU-Strafzöllen. Die Begründung: angeblich ungleiche Wettbewerbsbedingungen und staatliche Subventionen. Dies führte letztlich zur Ausweitung der geltenden Sonderzölle von E-Autos auf Plug-in-Hybride. Tatsächlich aber erweisen sich solche Instrumente als kaum bis gar nicht wirksam.

Während die wirtschaftlichen Verflechtungen fortbestehen, gerät insbesondere der Bereich der Investitionen vermehrt unter politischen Druck. Einerseits sieht sich die EU mit innenpolitischen Missständen konfrontiert. Traditionelle Industrieländer wie Deutschland oder Frankreich befinden sich gerade in einer Phase schwachen, ja teils negativen Wachstums. Statt durch technologische Innovationen und strukturelle Reformen Antworten auf den globalen Wandel und die technologische Revolution zu finden, setzt man allerdings eher auf protektionistische Instrumente. Das reicht von Zöllen über Einfuhrregeln bis hin zu Antisubventionsuntersuchungen. Investitionstätigkeiten in Europa werden so erheblich erschwert. Anderseits orientiert sich die EU – trozt stetiger Beteuerung ihrer Souveränität – in ihrer China-Politik weiterhin stark an den USA. Dabei hat die US-Handelspolitik europäische Interessen und internationale Regeln mehrmals infrage gestellt. In einem Umfeld wachsender geopolitischer Rivalitäten droht die ökonomische Vernunft in den Hintergrund zu treten, wodurch die vorteilhaften Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen China und der EU langfristig Schaden nehmen könnten.

 

Ein Blick auf das Berlaymont-Gebäude in Brüssel, Sitz der Europäischen Kommission

Zukunftsorientierte Partnerschaft auf Augenhöhe

Für den Herbst hat China die EU zur zweiten regulären Sitzung des Konsultationsmechanismus für Handel und Investitionen eingeladen. Zudem streben beide Seiten die Einrichtung eines gemeinsamen Aufsichtsmechanismus an. All dies zeigt, dass sowohl China als auch die EU die bilateralen Beziehungen weiter vertiefen und aktiv gestalten wollen, und zwar unter anderem durch den Ausbau gemeinsamer Kommunikations- und Beratungsmechanismen.

Fest steht: China und die EU sind füreinander wichtige Wirtschafts- und Handelspartner, basierend auf Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit. Als zwei der größten Volkswirtschaften der Welt teilen sie das Bekenntnis zu Multilateralismus und Multipolarität. Wer die bilateralen Beziehungen allein über Konkurrenz und Rivalität definiert, übersieht, dass beide Seiten im selben Boot sitzen, dass sie gleichsam unverzichtbare Akteure für globale Stabilität und Wohlstand darstellen. Handelskriege gefährden nicht nur den Wohlstand der anderen Seite. Es gilt daher, wiederholt formulierte Botschaften wie Kooperation statt Konfrontation, Offenheit statt Abschottung in greifbare Maßnahmen zu überführen. Als Vertreter des regelbasierten, offenen Welthandels sind China und die EU klar in der Lage, bestehende Meinungsverschiedenheiten durch Dialog zu steuern, ihre strategische Partnerschaft eigenständig zu gestalten und stärkere Impulse für eine konstruktive globale Zusammenarbeit zu geben. Strategische Souveränität liegt schließlich nicht in Isolation, sondern in der Fähigkeit, mit Partnern auf Augenhöhe zu verhandeln und Seite an Seite gemeinsame Ziele zu verwirklichen.


*Chen Yang ist außerordentliche Professorin an der Fakultät für Europastudien der Beijing International Studies University.

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