Reiseboom zwischen China und Europa verläuft in beide Richtungen

Während einer fast dreiwöchigen Reise durch Beijing, Shanghai und die südwestchinesische Provinz Yunnan stellte der deutsche Reiseblogger Sorin Liviu Jurj fest, dass er lediglich einen Reisepass und ein Smartphone benötigte, um einen Großteil dessen zu genießen, was China zu bieten hat.

„In China ist das Handy mehr als nur ein Telefon. Es ist gleichzeitig Geldbeutel, Stadtplan, Übersetzer, Taxirufgerät, Ticketschalter und Kommunikationswerkzeug“, schrieb er in einem im Mai erschienenen Reiseführer. „In China verlief alles reibungslos, es ist eines der modernsten und zugleich überraschendsten Länder, die ich je besucht habe.“

Jurj ist Teil eines wachsenden Stroms europäischer Touristen, die diesen Sommer nach China reisen. Daten der chinesischen Reiseplattform Trip.com zufolge haben sich die Buchungen europäischer Reisender für Sehenswürdigkeiten im Vergleich zum Vorjahr mehr als verzwanzigfacht.

Doch das Wachstum im chinesisch-europäischen Reiseverkehr ist nicht einseitig. Auch immer mehr chinesische Touristen reisen, angezogen von historischen Städten, kulturellen Erlebnissen und hochkarätigen Sport- und Kulturveranstaltungen, nach Europa.

 

Eine chinesische Touristin posiert am 6. Oktober 2025 vor dem Kolosseum in Rom für ein Foto. (Xinhua/Li Jing) 

Visumfreiheit 

Für Reisende wie Jurj ist das vereinfachte Einreiseverfahren einer der Gründe, warum China leichter zugänglich geworden ist. Im Rahmen der Regelungen Chinas zur einseitigen Visumfreiheit können Reisende aus Ländern wie Frankreich, Deutschland und Italien sich bis zu 30 Tage im Land aufhalten. Bürger aus über 30 europäischen Ländern genießen visumfreien Zugang nach China.

Dank der neuen Regelung verzeichnete China laut der Nationalen Einwanderungsbehörde (NIA) im ersten Halbjahr 2026 17,8 Millionen visumfreie Einreisen von Ausländern aus Europa und anderen Regionen, was einem Anstieg von 30,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.

Auch die Fluggesellschaften verzeichnen eine steigende Nachfrage nach internationalen Reisen. Auf der von Juneyao betriebenen Strecke Shanghai–Athen machen ausländische Passagiere in diesem Jahr bislang 32 Prozent des Passagieraufkommens aus. Ji Hao, Geschäftsführer der griechischen Niederlassung der Fluggesellschaft, erklärte, dass auf der Strecke bis zum 5. August 21.694 ausländische Passagiere befördert worden seien, was fast der Zahl des gesamten Vorjahres entspreche.

Auf anderen Strecken wurde das Flugangebot ausgebaut: Air China erhöhte ab dem 12. April die Frequenz ihrer Flüge zwischen Peking und Warschau von vier Flügen pro Woche auf einen Flug am Tag.

 

Touristen aus Italien besuchen am 21. Juli 2025 den Bund in Shanghai. (Xinhua/Chen Haoming) 

Europareiseboom 

Unterdessen wächst der Reiseverkehr von China nach Europa rasant.

Nach dem Sieg Spaniens bei der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Sommer verzeichnete die chinesische Reiseplattform Qunar ein sprunghaft gestiegenes Interesse an spanischen Reisezielen. Innerhalb einer Stunde schnellten die Suchanfragen für Flüge von Shenzhen nach Barcelona um das 33-Fache in die Höhe.

Ein Bericht der European Travel Commission (ETC) Anfang dieses Jahres prognostizierte für 2026 einen Anstieg der chinesischen Besucherzahlen in Europa um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zahlen des serbischen Statistikamts zeigen, dass chinesische Besucher zwischen Januar und März 2026 insgesamt 85.025 Übernachtungen im Land verbuchten, womit China zu einem der wichtigsten Märkte für den Tourismus in Serbien zählt.

Marija Labovic, Geschäftsführerin der Nationalen Tourismusorganisation Serbiens, erklärte, chinesische Touristen würden sich zunehmend von Einkaufstouren und der einfachen Besichtigung von Sehenswürdigkeiten abwenden und stattdessen individuellere Erlebnisse mit den Einheimischen suchen.

„Es gibt einen klaren Trend hin zu Reisen, bei denen die Erlebnisse am Reiseziel und dessen Authentizität im Vordergrund stehen“, so Labovic.

Dieser Wandel ist auch in anderen Teilen Europas zu beobachten. In Polen übernachteten 12.551 chinesische Touristen in Unterkünften mit mindestens 10 Betten. Mit den insgesamt 23.062 Übernachtungen im Land war laut offiziellen Statistiken China im Mai Polens größter asiatischer Quellmarkt.

 

Eine chinesische Besucherin posiert am 6. Oktober 2025 vor dem Trevi-Brunnen in Rom für Fotos. (Xinhua/Li Jing) 

Ausbau der Geschäftsbeziehungen 

Über die Ausgaben der Touristen hinaus verändert der Anstieg der Reisen zwischen China und Europa auch den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und die geschäftliche Zusammenarbeit.

Im Februar haben die European Travel Commission, Mastercard und die Industrial and Commercial Bank of China eine gemeinsam herausgegebene Kreditkarte auf den Markt gebracht, die chinesischen Reisenden in Europa die Zahlungen für Verkehr, Unterkunft, Gastronomie und Kulturangebote erleichtern soll.

„China ist nach wie vor einer der wichtigsten Märkte für Fernreisen nach Europa“, so Eduardo Santander, Geschäftsführer der European Travel Commission. Er betont, die Karte werde „die Brücke zwischen Europa und China festigen, nachhaltigeres Reisen fördern sowie der lokalen Wirtschaft und den Gemeinden spürbare Vorteile bringen“.

Auch in der Hotelbranche wird die Zusammenarbeit immer enger. Im Juni kündigten der französische Hotelkonzern Accor und die chinesische H World Group eine Ausweitung ihrer Zusammenarbeit bei Direktbuchungsplattformen und Programmen zur Kundenbindung in China, Europa und dem Nahen Osten an, wodurch Mitglieder Zugang zu mehr Unterkünften, exklusiven Preisen und weiteren Vorteilen erhalten.

Santander geht von einer weiterhin positiven Entwicklung des chinesisch-europäischen Tourismus aus. „Im Vordergrund stehen dabei erleichterte Zugangsbedingungen, ein vielfältigeres und erlebnisorientierteres Tourismusangebot sowie ein rundum angenehmes und einladendes Besuchererlebnis.“