Internationales Viertel Jimingshan: Integration auf chinesische Art

Wenn man durch die Wohngegend Jimingshan in Yiwu schlendert, sieht man Menschen unterschiedlichster Herkunft. Die Schilder der Geschäfte sind in verschiedensten Sprachen beschriftet, exotische Restaurants schmiegen sich direkt an Imbissstände mit örtlichen Spezialitäten. Die gerade einmal zwei Quadratkilometer große Nachbarschaft im Herzen der chinesischen Großhandelsstadt Yiwu hat mehr als 30.000 ständige Einwohner. Das Besondere: Fast 1400 davon stammen nicht aus China, sondern aus 74 Ländern und Regionen weltweit, weshalb der Ort auch den Spitznamen „UNO-Viertel“ trägt. 

Als Mikrokosmos des „Welt-Supermarktes“ Yiwu ist Jimingshan das erste internationale Nachbarschaftsviertel mit Integrationsschwerpunkt der Provinz Zhejiang. Doch die Frage, wie Menschen mit völlig unterschiedlichen Kulturhintergründen friedlich zusammenleben und arbeiten können, stellte die Verwaltung des Wohnviertels lange vor große Herausforderungen. „Unterschiede in Sprachen, Gewohnheiten und Denkweisen können schließlich leicht zu Missverständnissen führen“, erklärt hierzu Wu Junying, die stellvertretende Sekretärin des Parteikomitees von Jimingshan. 

  

Gemeinsam „Putonghua“ pauken: Das Wohnviertel Jimingshan bietet ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern kostenlose Chinesischkurse an. (Foto: Interviewpartner) 

Innerhalb von rund zehn Jahren hat Jimingshan diese Herausforderungen nicht nur bewältigt, sondern einen ganz eigenen Integrationsweg eingeschlagen, der es den Gästen aus der Fremde ermöglicht, sich hier niederzulassen und Yiwu als zweite Heimat zu erleben. Dahinter steht ein innovatives Governance-Modell, das auf öffentlichen Angeboten, gegenseitiger Hilfe und gemeinsamer Verwaltung basiert, ein Ansatz, der neue Wege für Integration und interkulturelles Zusammenleben aufzeigt. 

Sprachangebote als Schlüssel 

Die Integration in Jimingshan setzt beim vielleicht dringlichsten Problem von Neuankömmlingen an: der Sprachbarriere. „Wir haben schnell erkannt, dass wir unseren ausländischen Mitbürgern zuallererst das Sprechen ermöglichen müssen, damit sie sich hier wohlfühlen können“, sagt Wu Junying. Basierend auf dieser Erkenntnis hat Jimingshan 2014 unter Leitung des örtlichen Parteikomitees Chinas erstes Unterstützungszentrum für ausländische Staatsbürger auf Wohnviertelebene gegründet. Eine der Kernfunktionen dieses Zentrums ist das Angebot regelmäßiger, kostenloser Chinesischkurse. 

Der Unterricht, den die Teilnehmer liebevoll als „Konfuzius-Institut vor der Haustür“ bezeichnen, hat sich schnell zu einem beliebten Begegnungsort entwickelt. Das Nachbarschaftsviertel hat eigens professionelle Lehrkräfte eingestellt und ermutigt die ausländischen Mitbürger, das Gelernte direkt im Alltag anzuwenden und aktiv das Gespräch zu suchen, um so einen fruchtbaren Austausch von Wissen und Erfahrungen zu initiieren. 

Bei den Zugezogenen kommt die Offenheit Jimingshans gut an. Mohamed Mahmoud, ein Händler aus Mauretanien und langjähriger Bewohner der Gegend, spricht neben Arabisch und Englisch mittlerweile auch fließend Chinesisch. Als Außenhandelskaufmann ist er stets hilfsbereit und weiß genau, wie wichtig Sprache für Geschäfte und kulturellen Austausch ist. Als er sah, dass es in Jimingshan entsprechenden Bedarf gab, begann er freiwillig, Arabischunterricht zu geben. Seine Motivation sei einfach, sagt er: „Ich möchte mit dem Unterricht nicht nur chinesischen Händlern helfen, die Lernbedarf haben, sondern auch die Distanz zwischen den Kulturen insgesamt verringern.“ 

Sobald die sprachliche Brücke geschlagen war, begann Vertrauen zu wachsen. Mittels des Servicezentrums haben die Verantwortlichen zudem öffentliche Dienste etwa für Visa- und Aufenthaltsangelegenheiten, Schulbildungs- und Rechtsberatung direkt in die Nachbarschaft verlagert, was ausländischen Mitbürgern nicht nur den Alltag erleichtert, sondern ihnen auch die Wertschätzung ihrer Anwesenheit durch die lokalen Behörden vermittelt. 

  

Ausländische Teilnehmer zeigen im Chinesischkurs ihre Kalligrafie-Arbeiten. (Foto: Interviewpartner) 

  

Mediator Hami (Mitte) bei einem Vermittlungsmeeting in Jimingshan (Foto: Interviewpartner) 

„Ausländer vermitteln unter Ausländern“ – geschickte Lösung interkultureller Konflikte 

Nachdem die Sprachbarriere durchbrochen war, folgte ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur erfolgreichen Integration: die Ermutigung der ausländischen Mitbürger, sich an gemeinnützigen Tätigkeiten im Viertel zu beteiligen. In Yiwu, wo der internationale Handel blüht, sind Konflikte, die aus Unterschieden in kulturellen und geschäftlichen Gepflogenheiten resultieren, eine reale Herausforderung für die lokale Governance. Der jemenitische Händler Awsan Abdul weiß das nur zu gut. Er sagt: „Zum Beispiel feiern Menschen aus manchen Ländern abends gerne Partys, während Chinesen lieber früh ins Bett gehen.“ Solche Unterschiede im Lebensstil schwellen bei schlechter Kommunikation leicht zu Nachbarschaftskonflikten an. 

„Früher, wenn Vertreter des Wohnviertels zur Vermittlung kamen, dachten Ausländer oft: ‚Du stehst nicht auf meiner Seite‘“, bringt Wu Junying die Schwierigkeiten auf den Punkt. „Wenn andere Ausländer Überzeugungsarbeit leisten, gibt es einfach weniger Sprach- und Kulturbarrieren. Die Beteiligten merken, dass jemand für sie spricht, wodurch sie offener sind für Vermittlung“, sagt sie. 

Auf Grundlage dieser Erkenntnis entwickelte Jimingshan 2014 erstmals das Modell „Ausländer vermitteln unter Ausländern“ und gründete das Studio der „Internationalen Laoniangjiu“ – einer Gruppe angesehener ausländischer Ortsansässiger mit interkultureller Kompetenz, die bei interkulturellen Streitfällen vermitteln. 

Der iranische Händler Dehghani Gholamhossein, Spitzname Hami, leitet das Studio und war auch der erste internationale Mediator in Jimingshan. Der Doktor der Psychologie lebt seit 2003 in Yiwu und spricht fließend mehrere Sprachen. Dank seines interkulturellen Hintergrunds und seines hohen Ansehens in der Händlergemeinschaft wurde er zur Schlüsselfigur in der Vermittlungsarbeit. 

Anfang 2024 gerieten ein Logistikunternehmen aus Ningbo und ein iranischer Kunde aufgrund unterschiedlicher Interpretationen von Geschäftsklauseln in eine Pattsituation. Hami griff schnell ein, nutzte seine Sprachkenntnisse und sein Verständnis der Geschäftsregeln sowohl in China als auch im Iran, organisierte mehrere Runden Onlinedialoge und überbrückte geduldig die Differenzen, was schließlich zu einer Einigung beider Parteien führte. Ein länderübergreifender Handelskonflikt, der sonst wohl vor Gericht gelandet wäre, konnte so effizient auf lokaler Ebene gelöst werden. 

In Jimingshan zeigt sich zunehmend ein Wandel: Zugezogene sind nicht mehr nur Empfänger öffentlicher Unterstützungsangebote und Dienstleistungen, sondern bieten sie selbst mit an. Awsan Abdul aus dem Jemen tat sich im Rahmen des örtlichen Chinesischkurses als Vermittlungstalent hervor. Er ist mit einer Chinesin aus Yiwu verheiratet und kann so aus einem reichen persönlichen Erfahrungsschatz mit Blick auf kulturelle Unterschiede schöpfen. Dem Jemeniten bereitet die Vermittlungsarbeit große Freude. Er sagt: „Es macht mich einfach glücklich, anderen bei der Lösung ihrer Konflikte zu helfen. So macht auch das Geschäftemachen in China einfach mehr Spaß.“ 

Unter dem Einfluss von Hami und Awsan Abdul hat das Wohnviertel inzwischen 18 Paten für ein besseres Zusammenleben in der Gegend ausgebildet. Auf dieser Grundlage entstanden fünf internationale Freiwilligenteams unter anderem für „ausländische Nachtwächter“, „ausländische Übersetzer“ und „ausländische Ersthelfer“. Die aktive Beteiligung der Zugezogenen hilft nicht nur bei der Lösung zahlreicher lokaler Probleme, sondern schafft auch Vertrauensnetzwerke zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturhintergründe, macht sie zu echten Mitgestaltern der Gemeinschaft. 

  

In die Rolle des anderen schlüpfen: Zugezogene erleben im Jiming-Pavillon traditionelle chinesische Kultur. (Foto: Interviewpartner) 

Gemeinsame Beratung und Verwaltung – aus Fremde wird Heimat 

Die Beilegung von Nachbarschaftskonflikten und die Beteiligung an öffentlichen Entscheidungen sind gewissermaßen die „letzte Meile“ für aus dem Ausland Zugezogene, um echte Integration zu erleben und auch innerlich in der neuen Heimat anzukommen. Auch hier hat Jimingshan neue Wege ausgelotet. Es wurde ein gemischter Bürgerrat gegründet, der sich aus chinesischen und ausländischen Staatsangehörigen zusammensetzt. Ein Gremium, das Kulturgrenzen überwindet und regelmäßig Vertreter beider Gruppen einlädt, um über lokale öffentliche Belange zu beraten. Hami und Awsan Abdul nehmen regelmäßig an den Zusammenkünften teil. 

Die Themen reichen von langfristiger Planung bis hin zu konkreten Alltagsfragen. „Wie lassen sich ungenutzte Flächen umgestalten, zusätzliche Parkplätze und bessere Mülltrennung schaffen oder die Geräuschpegel von Tanzgruppen auf öffentlichen Plätzen reduzieren – wir sprechen hier über eine breite Palette von Themen“, erklärt Wu Junying. Der Rat sorge dafür, dass jede Stimme gehört und respektiert werde. 

  

Diskussionsplattform: Chinesen und ausländische Mitbürger beraten gemeinsam Belange des Zusammenlebens in Jimingshan. (Foto: Interviewpartner) 

Dieses Gefühl gleichberechtigter Teilhabe hat positive Veränderungen bewirkt. Awsan Abdul sagt: „Wenn deine Meinung angenommen wird und sich dadurch dein Lebensumfeld verändert, fühlt man sich als echter Einheimischer. Dann wird dieser Ort zu einem echten Zuhause.“ 

Dieses Bewusstsein echter Zugehörigkeit zeigt sich im täglichen Handeln. Bei der Einführung neuer Mülltrennungsregeln beispielsweise engagierten sich die ausländischen Ratsmitglieder, indem sie Infoclips in ihren jeweiligen Muttersprachen drehten. Wenn mal Wasser oder Strom abgedreht werden mussten, erklärten sie ihren ausländischen Nachbarn geduldig die Situation. Die Zugezogenen sind somit keine bloßen Zuschauer mehr, sondern bringen sich im Alltag aktiv vor Ort ein. 

  

Ganbei! Chinesische und ausländische Ortsansässige feiern gemeinsam das Frühlingsfest. (Foto: Interviewpartner) 

Wenn Awsan Abdul heute durch Jimingshan geht, sieht er ein Umfeld, in dem er und seine Familie sich glücklich und sicher fühlen. Zum Abschluss wird er fast ein wenig emotional: „Meine Kinder glauben, dass sie in der besten Gegend, der besten Stadt und dem besten Land leben“, sagt er. „Und auch für mich ist Yiwu ein großartiger Ort. Wir haben riesiges Glück, hier sein zu dürfen.“ 

Ein Mix aus Chinesischkursen, Integrationshilfe, Mediatoren, Einwohnerrat und gemeinsamer Verwaltung – Jimingshan hat einen Weg gefunden, aus Fremden Mitbürger zu machen. Und zwar nicht durch einseitig aufoktroyierte Regeln von außen, sondern durch positive Interaktion auf Grundlage von Respekt, Unterstützung und Teilhabe. Mit diesem innovativen Pfad ist Jimingshan in Yiwu zum Paradebeispiel dafür geworden, wie in einer internationalen chinesischen Stadt Integration gelingen kann. Das Beispiel des Viertels bringt China und die Welt noch näher zusammen.