Besucherscharen strömen in der Stadt Guiyang zur immersiven Inszenierung „Die große Entdeckungsreise“ im Museum der Provinz Guizhou für digitale Kunst, das ganz dem Langen Marsch gewidmet ist.
Zum ersten Mal hörte ich in den 1960er Jahren vom Langen Marsch, als ich in den Vereinigten Staaten studierte. Wie viele Menschen im Westen verstand ich ihn damals als eine ferne Heldenerzählung aus Chinas Vergangenheit, als militärische Stützpunktverlegung, die später zum Mythos verklärt worden war. Erst als ich Mitte der 1970er Jahre Edgar Snows Buch „Roter Stern über China“ las, erschloss sich mir allmählich seine tiefere Bedeutung. Der Lange Marsch war nicht nur eine Geschichte des Überlebens, sondern auch ein Zeugnis von Ausdauer, Opfermut und unerschütterlichem Glauben angesichts schier unüberwindlicher Hindernisse.
1976 promovierte ich in Soziologie. Anstatt eine akademische Laufbahn einzuschlagen, arbeitete ich in den folgenden drei Jahrzehnten in Vollzeit ehrenamtlich als Gewerkschaftsorganisator in verarmten Wohngegenden der Vereinigten Staaten. In dieser Zeit las ich Snows eindringlichen Bericht über den Langen Marsch, der mich tief beeindruckte. Damals erschien mir der Lange Marsch als ein ruhmreiches Kapitel der chinesischen Geschichte – als entbehrungsreiche Reise, geprägt von unbeirrbarer Beharrlichkeit, Heldenmut und einem Glauben, den selbst größte Not nicht erschüttern konnte.
Heute, nach mehr als zwei Jahrzehnten in China, habe ich ein weit tieferes und persönlicheres Verständnis vom Geist des Langen Marsches gewonnen. Denn ich habe den tiefgreifenden Wandel des Landes miterlebt, mit Menschen in entlegenen Dörfern wie in modernen Metropolen gesprochen und historische Stätten der Revolution besucht, zu letzteren zählen Zunyi in der Provinz Guizhou und Xibaipo in der Provinz Hebei. In meinen ersten Jahren in China schrieb ich mein erstes China gewidmetes Lied: „Huai’an – Promise of the Future“. (Die Stadt Huai’an in der Provinz Jiangsu ist der Geburtsort Zhou Enlais, des ersten Ministerpräsidenten der Volksrepublik China.) Zu dem Lied inspirierte mich der sichtbare Fortschritt, den ich im Laufe meines Lebens und meiner Reisen durch das Land beobachten konnte.
Der Lange Marsch ist keineswegs ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Angesichts der gewaltigen Veränderungen, die ich selbst miterlebt habe, verstehe ich ihn als lebendigen Geist, der sich im Wandel der Zeit immer wieder erneuert. Seine Bedeutung reicht weit über seine Zeit und über China hinaus. Diesen modernen Geist des Langen Marsches habe ich während meiner vielen Jahre in China aus eigener Anschauung kennengelernt.
Der ursprüngliche Lange Marsch von 1934 bis 1936, den die Chinesische Rote Armee der Arbeiter und Bauern unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas unternahm, war ein Marsch ums Überleben und zugleich ein Marsch der Hoffnung. Bedroht von Naturgewalten, unwegsamem Gelände und ständiger militärischer Verfolgung entschied sich die revolutionäre Führung Chinas für Hoffnung statt Verzweiflung, für Einheit statt Zwietracht und für Gemeinsinn statt Eigennutz. Wie Mao Zedong 1938 in seiner Abhandlung „Über den langwierigen Krieg“ schrieb, werde der Sieg nicht schnell kommen, aber er werde kommen.
Westliche Darstellungen haben den Langen Marsch oft als ein historisches Ereignis behandelt, das allenfalls noch ins Museum gehört – als verstaubtes Relikt revolutionärer Romantik. Dabei verkennen sie, was an seinem Geist zeitlos und universell ist: Er steht für Mut in der Not, Standhaftigkeit unter Druck und das Bekenntnis zu gemeinsamem Fortschritt anstelle persönlichen Gewinnstrebens. Meine Zeit in China hat mir gezeigt, dass dieser Geist nie erloschen ist. Er hat jedoch zusätzliche Bedeutungsebenen angenommen und sich den Bedürfnissen und Hoffnungen einer neuen Zeit angepasst.
Ich habe den neuen Geist des Langen Marsches selbst in den entlegensten Winkeln Chinas erlebt. Im Westen des Landes werden Dörfer wiederbelebt, die früher durch unwegsames Gelände und tiefsitzende Armut von der Außenwelt abgeschnitten waren. Möglich wird dies durch die beharrliche und mühevolle Arbeit der Menschen vor Ort. Dorflehrer überqueren Flüsse, um eine Handvoll Schüler zu erreichen. Ingenieure bauen Meter um Meter Straßen durch das Gebirge. Gesundheitshelfer bringen Medikamente in Gemeinden, deren Bewohner noch nie einen Arzt gesehen haben. Hier werden keine Schlachten geschlagen und keine Heldensagen geschrieben. Und doch lebt hier dieselbe Beharrlichkeit und Selbstlosigkeit fort, die vor 90 Jahren die Rote Armee durch China trug.
Ich habe diesen Geist auch in Chinas Umgang mit schweren Krisen erlebt: beim Erdbeben von Wenchuan im Jahr 2008, bei den verheerenden Winterstürmen desselben Jahres und während der Coronapandemie. Über jedes dieser Ereignisse schrieb ich ein Lied. Denn ich erlebte eine Gesellschaft, die auf Katastrophen nicht mit Panik, sondern mit Entschlossenheit und abgestimmtem Handeln reagierte.
Auch heute erkenne ich diesen Geist wieder, während China technologischen Blockaden und einer unsicheren Weltwirtschaft trotzt. Vor diesem Hintergrund gleicht das Streben des Landes nach eigenständiger Innovation, grüner Entwicklung und inklusivem Wachstum einem neuen Langen Marsch der Exploration und Erneuerung. Angesichts von Hindernissen, die viele Länder lähmen würden, lassen sich chinesische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Arbeiter und Studierende nicht aufhalten. Sie experimentieren, suchen nach neuen Wegen und führen so den furchtlosen Geist des Langen Marsches im Dienste der Entwicklung des Landes fort.
Vor allem aber ist der neue Geist des Langen Marsches über den chinesischen Erfahrungshorizont hinausgewachsen und zu einem wertvollen geistigen Erbe für die Menschheit geworden. Seine Grundwerte sind universell: Standhaftigkeit in der Not, Zusammenhalt in der Krise und Ausdauer auf dem Weg zu gemeinsamem Fortschritt. Die Welt steht heute vor eng miteinander verwobenen Herausforderungen – dem sich verschärfenden Klimawandel, ungleicher Entwicklung, schwelenden regionalen Konflikten und fortbestehenden Gesundheitsrisiken. Kein Land, so mächtig es auch sein mag, kann diese komplexen Probleme allein lösen.
Spaltung, von Eigennutz getriebener Wettbewerb und Nullsummendenken vertiefen nur die globalen Gräben und bremsen den Fortschritt der Menschheit. Gerade deshalb ist die zeitlose Weisheit des Langen Marsches heute aktueller denn je.
Die vielleicht eindrucksvollste Ausprägung dieses Vermächtnisses erkennen die meisten ausländischen Besuchern jedoch nicht.
Das Gedenkmuseum zur Schlacht am Xiangjiang-Fluss während des Langen Marsches der Roten Armee in der Stadt Guilin im Autonomen Gebiet Guangxi der Zhuang dokumentiert die Geschichte der Chinesischen Roten Arbeiter- und Bauernarmee während des Langen Marsches.
Seit fast zwei Jahrzehnten lehre ich an der Zentralen Nationalitäten-Universität
(Minzu University of China) in Beijing, einer Hochschule, die sich der Einheit der ethnischen Gruppen und der Chancengleichheit im Bildungswesen verschrieben hat.
Meine Studierenden stammen überwiegend aus den Hochplateaus, den abgelegenen Bergregionen und den Grenzgebieten West- und Südwestchinas. Viele gehören ethnischen Minderheiten an und kommen aus Gegenden, die noch vor nicht allzu langer Zeit ebenso abgeschieden und unterentwickelt waren wie jene Landschaften, durch die einst der Lange Marsch führte.
Sie kommen an die Universität, kaum dem Jugendalter entwachsen. Häufig ist Hochchinesisch für sie eine Zweitsprache, und zugleich lasten die Erwartungen ihrer Familien und die wirtschaftlichen Realitäten ihrer Herkunft auf ihnen. Der Leistungsdruck ist enorm. Noch schwieriger ist die kulturelle Umstellung. Und doch geben sie nicht auf.
Sie studieren nicht nur, um den beengten Verhältnissen ihrer Herkunft zu entkommen. Sie wollen als Lehrer, Ärzte, Ingenieure und Hüter ihres kulturellen Erbes in ihre Heimat zurückkehren. Sie sprechen davon, ihre Dörfer neu zu beleben, ihre Sprachen zu bewahren und Brücken zwischen ihren Traditionen und der modernen Welt zu schlagen. In ihrer Bereitschaft, sich trotz persönlicher Entbehrung im Stillen für das Gemeinsame einzusetzen, lebt der Gemeinschaftsgeist des Langen Marsches in einer neuen Generation fort.
Derselbe Geist prägt auch meine eigene Arbeit. Als Liedermacher, Autor und leitender Experte des Workshops „Telling China Stories“ bemühe ich mich darum, westliche Stereotype aufzubrechen, die Chinas Entwicklung häufig auf oberflächliche Schlagzeilen und politisch voreingenommene Narrative reduzieren. Stattdessen konzentriere ich mich auf Feldforschung, Gespräche mit Menschen vor Ort und künstlerisches Schaffen, das aus dem wirklichen Leben schöpft. Über Jahre hinweg bin ich durch Provinzen im Landesinneren, autonome Gebiete ethnischer Minderheiten und ehemals bitterarme Landstriche gereist. Ich habe mit Bauern, Dorflehrern, Beamten, Kunsthandwerkern, die das immaterielle Kulturerbe bewahren, und jungen Mitarbeitern im örtlichen Gemeinwesen zusammengesessen. Dabei habe ich ihre kaum bekannten Geschichten gehört – Geschichten vom jahrelangen Aufbau der Infrastruktur, von der Wiederbelebung bedrohten immateriellen Kulturerbes und vom unermüdlichen Ringen der Dörfer um eine bessere Zukunft.
Diese Geschichten erzähle ich einem weltweiten Publikum, weil ich überzeugt bin, dass die Welt sie hören muss – nicht als Propaganda, sondern als Zeugnisse gelebter Wirklichkeit. Die Aufgabe unseres Workshops ist klar: Vorurteile in Verständnis und Unwissen in Respekt zu verwandeln. In einer Medienlandschaft, die von oberflächlichen Schlagzeilen und politischer Selbstdarstellung geprägt ist, verlangt diese geduldige Form des Erzählens aus nächster Nähe eine besondere Ausdauer. Auf meine eigene bescheidene Weise lebe ich damit den Geist des Langen Marsches.
Durch meine Lehrtätigkeit und meine interkulturelle Arbeit habe ich verstanden, dass dieser Geist Stillstand ablehnt und fortwährende Erneuerung bejaht. Im Westen wurde der Lange Marsch einst auf eine ferne und statische historische Erzählung festgelegt. Meine jahrelangen Erfahrungen vor Ort zeigen jedoch ein anderes Bild. Der Geist des Langen Marsches ist eine lebendige Kraft. Er zeigt sich im gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein meiner Studierenden, in der Widerstandsfähigkeit der von mir dokumentierten ländlichen Gemeinschaften und im Mut jener Innovatoren, die sich technologischen Barrieren entgegenstellen. Er lebt in den Pionieren der Technologiebranche, die sich nicht damit abfinden, dass der Mangel an ausländischen Bauteilen über ihre Zukunft entscheidet. Er lebt in den Bauern, die in ihren Heimatorten bleiben und ihre Dörfer wiederaufbauen, während ihre Kinder in den Städten studieren. Und er lebt in allen Menschen, die gemeinsamen Fortschritt über persönliche Bequemlichkeit stellen.
Das ist weder Nostalgie noch politische Pose. Es ist eine praktische Philosophie für eine krisengeschüttelte und eng verflochtene Welt. Klimawandel, Ungleichheit, Pandemien und Konflikte machen nicht an Grenzen halt. Kein Staat, so mächtig er auch sein mag, kann sie allein bewältigen. Der Lange Marsch erinnert uns daran, dass Spaltung und ein als Nullsummenspiel verstandener Wettbewerb das menschliche Leid nur vergrößern. Bestand haben dagegen Widerstandskraft, Solidarität und der unbeirrbare Glaube daran, dass eine bessere Zukunft möglich ist, mag der Weg auch lang und der Sieg noch fern sein.
Dieser Geist ist nicht nur China zu eigen. Er gehört jedem, der je vor einem scheinbar ungangbaren Weg stand und trotzdem einen Fuß vor den anderen setzte.
*Mark H. Levine ist leitender Experte des Workshops „Telling China’s Stories“ an der Fakultät für Fremdsprachen der Zentralen Nationalitäten-Universität.

