„Frühlingsmorgen am Su-Damm“, „Herbstmond über dem stillen See“ oder „Schmelzender Schnee auf der Bruchbrücke“ – früher waren es chinesische Poesieklassiker wie diese, die in allen Jahreszeiten scharenweise Besucher nach Hangzhou lockten. Die Szenerie rund um den berühmten Westsee gilt weithin als Inbegriff der anmutigen Landschaften Südchinas und entfaltet sich mit ihren Top 10-Sehenswürdigkeiten wie ein jahrtausendealtes Langrollbild vor dem Auge des Betrachters. Doch mittlerweile ist die Strahlkraft der Stadt um eine Facette reicher: den Tech-Tourismus. Neuerdings sind es auch technologielastige Reiseziele, ebenfalls zehn an der Zahl, die Jung und Alt in die quirlige Metropole ziehen. Hangzhou, das ist heute ein Ort, wo digitale Lichtprojektionen den Nachthimmel erhellen, Smart Communities allgegenwärtig sind und Touristen in virtuelle Abenteuer eintauchen können. Der Tech-Tourismus ist zu einem neuen Markenzeichen der Stadt gereift.
Hangzhou, wo sich auch der Hauptsitz der Alibaba Group befindet, hat seine Potenziale früh erkannt und versteht sich darauf, sich als Zukunftsstadt in Szene zu setzen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz stattete im Rahmen seines ersten Chinabesuchs der Stadt eine Stippvisite ab und staunte über neueste Errungenschaften in Sachen Robotik. Im Juni 2025 präsentierte die Stadt erstmals ihre neuen „10 Technologiereiseziele“. Sie umfassen Tech-Firmen, charakteristische Smart-Dörfer und intelligente Straßenzüge bzw. Viertel, wo sich neue Trends wie künstliche Intelligenz (KI), virtuelle Realität (VR), Niedrigflugwirtschaft, Raumfahrttechnik und Robotik zusammenfinden. Mittlerweile gelten sie als neues Aushängeschild der Metropole bei der integrierten Entwicklung von Technologie, Kultur und Tourismus. Hangzhou, das ist heute ein Ort, wo sich die Spiegelungen der Hügel im Westsee mit dem Neonlicht der Techkonzerne verbinden. Hier trifft klassische Ästhetik also auf neueste Innovationen – eine Mixtur, die das Antlitz der Stadt heute prägt.
Robotik-Parade am Straßenrand
Mit Robo-Hunden Pfötchen schütteln, humanoide Roboter im Gewand des Anime-Helden Nezha tanzen sehen oder sich von einem Roboterarm Eiscreme kredenzen lassen – Szenen, die wie Science-Fiction anmuten mögen, sind heute im Wensan Digital Life Block in Hangzhou schon Realität. Als Chinas erstes „Digital Life“-Viertel vereint die Erlebnismeile Tech-Spielereien mit trendigen Lizenzprodukten zu neuartigen Mitmacherlebnissen, die zum Eintauchen einladen, und schafft so zukunftsweisende Erlebnisräume.

Keine Berühungsängste: Diese junge Besucherin lässt sich im Wensan Digital Life Block von einem Roboter-Wauwau die Pfote geben. (Foto: Wang Ruying)
Betritt man die Ausstellungshalle des Wensan Future Science Technology Experience Centers in diesem Viertel, macht man als Erstes Bekanntschaft mit dem riesigen Interaktionssystem. Es handelt sich dabei nicht einfach nur um ein schnödes Computer-Interface, sondern um ein überdimensional animiertes 3D-Gesicht, das einem in der Saalmitte direkt in die Augen blickt. „Kannst du mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Hangzhou nennen?“, macht eine Besucherin den Selbstversuch. Die Antwort vom KI-System kommt höflich und prompt. Versiert gibt das Bildschirmgesicht einen kurzen Überblick – vom Westsee über das Xixi-Feuchtgebiet bis hin zur Straße der Südlichen Song-Dynastie (1127–1279). Mit lebensechter Mimik beantwortet das KI-Gerät geduldig alle Fragen der Besucher, fast als würde man mit einer echten Person sprechen. Den anwesenden Touristen gefällt es sichtlich. „Mit einem virtuellen Menschen zu interagieren – wow, das fühlt sich wirklich wie in einem Science-Fiction-Film an!“, zeigt sich ein Besucher begeistert.
Welche Technik aber verbirgt sich hinter dem sprechenden KI-Gesicht? Wie die Mitarbeiter vor Ort erklären, ist das Gerät mit einer Funktion zur Rauschunterdrückung ausgestattet. Nachdem Besucher ihre Fragen ins Mikrofon gerichtet haben, filtert das Gerät präzise alle Umgebungsgeräusche heraus und wandelt die Sprache in Textinformationen um. Der so gewonnene Text wird dann über eine Programmierschnittstelle verarbeitet, um Antworten zu generieren, die dann wiederum in Audiodateien umgewandelt werden. So kann der virtuelle Helfer das Gesagte präzise erkennen und Fragen sekundenschnell beantworten. Die Entwicklungsteams haben zudem das KI-Gesicht mit Animationen für Blinzeln und feinere Gesichtsbewegungen, sogenannte Mikromimik, ausgestattet, damit der KI-Assistent auch während Warte- und Zuhörphasen natürlich wirkt. Ziel ist ein möglichst lebensechtes Interaktionserlebnis.

Um keine Antwort verlegen: Menschliche Mikromimik macht die Reaktionen des KI-Assistenten im Wensan Future Science Technology Experience Center täuschend echt. (Foto: Wang Ruying)
In diesem Erlebniszentrum werden nicht nur futuristische Technologien präsentiert, sondern auch mögliche Anwendungsszenarien im Alltag skizziert. Eine KI-gestützte TCM-Diagnose gefällig? Oder wie wäre es mit einem Nickerchen auf einer gemütlichen Couch mit einem BrainCo-Schlafmonitor? Oder sollen es doch lieber exklusive Einsichten in die Arbeit von vierbeinigen Robotern in Notfalleinsätzen sein? All dies ist hier möglich. Obendrein können die Touristen die Hightech-Produkte nach dem Erlebnis sogar kaufen – quasi für ein Stück Zukunft im Alltag.
Technologie und interaktive Erlebnisse machen den Wensan Digital Life Block zu einem Ort, der sowohl Neugier weckt als auch Erinnerungen generiert. Während der diesjährigen Maifeiertage präsentierte das Digitalviertel Wensan insgesamt 30 Top-Innovationen, die über 30.000 Besucher anzogen. Es wurden mehr als 200 Hightech-Produkte verkauft, mit einem Gesamtumsatz von über 100.000 Yuan. Dazu sagt Liu Jing, Zuständige für die Markenkommunikation der Hangzhou West Lake Cultural Tourism Investment Group: „Wir wollen ein neues Modell von ‚Technologie plus Kultur und Tourismus‘ erforschen. Unser Ziel: Technologie zum Anfassen, Kultur- und Tourismuserlebnisse, die in die Tiefe gehen. Letztendlich soll so eine Plattform entstehen, die Konsum und Industrien miteinander verbindet.“
„Blind-Box-Konzerte“ in der Fußgängerzone
Die Xizi-Galerie (Xizi Langqiao) befindet sich in der Fußgängerzone am Westsee. Tagsüber wähnt man hier einen gewöhnlichen Großbildschirm, über den Slogans wie „Ich liebe Hangzhou“ oder „Grüße vom Westsee“ flimmern. Doch bei Nacht, sobald die hängenden LED-Screens langsam aufgeklappt werden, verwandelt sich der Ort in ein „schwebendes Theater“, das Schaulustigen ein audiovisuelles Spektakel bietet.
2024 wurde die Xizi-Galerie intelligent umgerüstet. Nach dem Öffnen der 36 heb- und senkbaren LED-Großbildschirme verwandelt sich die Galerie jeden Abend durch intelligente Höhensteuerung im Handumdrehen in eine „4D-Luftbühne“. Eingerahmt von sorgfältig choreografierten Licht- und Toneffekten präsentieren hier Schauspieler per Bildschirm interaktive Darbietungen. Coole Hightech, eine neuartige Präsentationsform und brillante Aufführungen – es ist ein Konzept, das verfängt. Jeden Abend zieht die Show zahlreiche Zuschauer in ihren Bann. Mit der Xizi-Galerie ist Hangzhou also um einen Hightech-Hotspot reicher.
Vor dem Öffnen der Bildschirme erfährt das Publikum weder, was heute Abend gespielt wird, noch wer die Darsteller sind – eine Digitalshow mit Überraschungseffekt also, ähnlich wie beim Öffnen der in China beliebten „Blind-Boxes“ à la Popmart. Schlendert man über diese Fußgängerstraße, kann man so mal dem Klang chinesischer Guzheng-Zithern lauschen, mal eine traditionelle Yue-Oper genießen. Eine feste Aufführungsliste sucht man vergebens. Ob Volksmusik, Sinfonie, traditionelle chinesische Opern oder ausländische Musicals – es gibt quasi nichts, was es in der Xizi-Galerie nicht gibt. „Durch den bunten Genre-Mix möchten wir die Kunst aus dem Theater holen und sie einem breiten Publikum zugänglich machen“, erklärt ein Mitarbeiter des Kulturzentrums der Provinz Zhejiang das Konzept hinter der Überraschungsbühne.

„Überraschungsbox“ in der Fußgängerzone: großer Andrang beim Auftritt des Guzheng-Orchesters Baiyang des Zhejiang Conservatory of Music in der Xizi-Galerie (Foto: Kulturzentrum der Provinz Zhejiang)
Die Strahlkraft der Xizi-Galerie färbt letztlich auf das gesamte Einkaufsviertel um die Fußgängerzone ab. Im Jahr 2025 waren auf der Xizi Langqiao mehr als 100 Konzerte zu bestaunen, was über zwei Millionen Besucherinnen und Besucher anlockte und im Internet eine Reichweite von mehr als zehn Milliarden Aufrufen generierte. Man sei bemüht, traditionelle Geschäftsviertel in durchweg erlebnisreiche „Show-Arenen“ zu transformieren, erklärt ein Mitarbeiter des Geschäftsbüros des Stadtbezirks Shangcheng das Konzept. Auch für die Zukunft laute das Ziel des Shoppingviertels „digitaler, intelligenter, hipper Konsum“. Man wolle die Integration von Kultur, Wirtschaft und Tourismus weiter vertiefen und ähnliche Events mit Wiedererkennungswert nach dem Vorbild der „Blind-Box-Konzerte“ etablieren, sagt er, um Hangzhou auf seinem Weg zum internationalen Shopping- und Tourismus-Hotspot zu unterstützen.
VR-Walk am Fuße des Laohe-Berges
Wie kann man innerhalb eines Tages die ganze Welt bereisen? Die Antwort findet sich im M511-Komplex am Fuße des Laohe-Berges. Das Zentrum ist zu einem angesagten Ausflugsziel für junge Menschen geworden, die neueste Digitalkultur erleben wollen. Erlebnisdurstige erwartet hier eine Kunsterfahrung der besonderen Art, die auf einen tiefgründigen Dialog mit Geschichte und Kultur einlädt.

Innovative Immersion: Mit den Füßen sind diese Besucherinnen in Hangzhou, mit dem Kopf allerdings in Paris, möglich macht es ein VR-Headset. (Foto: Wang Ruying)
Das Projekt „Deep Space Future“ ist hier ein Besuchermagnet, der derzeit größte 8K-Ultra-HD-3D-Projektions-Immersionsraum in Asien. Laut Betreiber wurde dafür in bahnbrechender Weise die 8K-Projektion in dreidimensionale Räume übertragen, mit Hilfe von Laserverfolgungssystemen gepaart mit KI-Algorithmen und 3D-Visualisierungstechniken, um eine Verschmelzung von Virtuellem und Realem zu verwirklichen, die der Realität verblüffend nahekommt. Besucher müssen nur eine leichte 3D-Brille tragen, um in die Bildschirmwelt eintreten und die unendlichen Möglichkeiten erkunden zu können, die durch die Fusion von Technologie und Kunst entstehen. Mittels der 8K-Projektion lässt sich zum Beispiel jedes Detail im Gemälde „Der Turmbau zu Babel“ des niederländischen Malers Pieter Bruegel d. Ä. genau in Augenschein nehmen. Per 3D-Visualisierung können die Besucher sogar durch den Weltraum schweben, die „dunkle Seite des Mondes“ betrachten, die Ringe des Saturn bestaunen, ja sogar Sonneneruptionen beobachten.
Hochwertige Kulturprodukte für ein breites Publikum bieten und neue kulturelle Konsumerlebnisse schaffen – das war die ursprüngliche Intention beim Bau des M511-Komplexes. Die Einrichtung wartet zudem mit Märkten, Aufführungen, Tanzveranstaltungen, Ausstellungen und einem Open-Air-Kino auf, um Technologie mit Unterhaltung zu verbinden. So ist das Zentrum heute ein neuer Treffpunkt im städtischen Leben.
Durch die Verknüpfung der Kultur- und Tourismusindustrie mit Technologie geht das Geschäftsmodell über den klassischen Ticketverkauf hinaus und entwickelt eine erlebnisbasierte Wirtschaft. Mit seinen Top 10-Technologiereisezielen liefert Hangzhou den Anstoß, Besuchern aus dem In- und Ausland in Zukunft noch mehr neue und faszinierende einmalige Reiseerlebnisse zu bieten, sicherlich auch über die Grenzen der Stadt hinaus.

