Leuchtende Farben umgarnen das Auge, wenn die Stickmeister aus Südchina mit Nadel und Faden die Schönheit der Natur auf ihre ganz eigene Weise einfangen. Die Rede ist hier von der Guangdong-Stickerei, einer renommierten Fertigkeit, deren Kunstprodukte schon früh in großen Mengen ihren Weg bis nach Europa fanden. Die traditionsreiche Handwerkskunst besitzt bedeutenden kulturellen wie ästhetischen Wert. Jede Stickware vereint lokale Besonderheiten, Volksbräuche und malerische Naturlandschaften elegant zu einem stimmigen Ganzen und fängt das Lokalkolorit der Region Guangdong ein.
Doch wie viele traditionelle Handwerkskünste steht auch die Guangdong-Stickerei in neuerer Zeit vor der Herausforderung, sich mit modernen Designs zu verbinden und dabei sowohl ihre herausragenden traditionellen Fertigkeiten zu bewahren, als auch zeitgenössische Ästhetik miteinzubeziehen. Der Guangdong-Stickerei gelingt dieser Spagat mit Bravour. Im zeitgenössischen Kontext wächst die Kunstform sogar über ihre traditionellen Wurzeln hinaus, beeinflusst Mode und Design der Moderne. Als ikonisches Kulturerbe erfindet sie sich ständig neu, ohne dabei ihren Kern einzubüßen. Sie verkörpert eine perfekte Kombination von alter Handwerkskunst und zeitgenössischer Ästhetik, was sie zu einem facettenreichen und beständigen Symbol der chinesischen Kultur auf der globalen Bühne gemacht hat.

In den Händen der Guangzhou-Stickerin Liang Xiaoman, die die alte Familientradition in sechster Generation fortführt, entstehen mit jedem Stich lebendige, farbenfrohe Naturmotive.
Die lange Geschichte der Guangdong-Stickerei reicht bis in die Tang-Dynastie (618–907) zurück. Neben der Suzhou-, Hunan- und Sichuan-Stickerei zählt die Fingerfertigkeit zu den vier renommiertesten Stickkünsten Chinas. Sie lässt sich hauptsächlich in zwei große Schulen unterteilen: die Guangzhou- und die Chaozhou-Stickerei. Erstere, allgemein als Guang-Stickerei bekannt, umfasst hauptsächlich die lokalen Sticktraditionen der Regionen Guangzhou, Foshan, Shunde und Nanhai. Unter der Chaozhou-Stickerei, auch Chao-Stickerei genannt, fasst man in der Regel die Stickkunst der gesamten Region Chaoshan rund um die Stadt Chaozhou zusammen. Die Guangdong-Stickerei in ihrer heutigen Form ist das Ergebnis Jahrtausende langer Erkundung, Weitergabe und Erneuerung. Entstanden ist so eine einzigartige künstlerische Ausdrucksform, die eine lange Kultur und Geschichte in sich verdichtet.
Ursprung in der Region Lingnan
Traditionell waren es einst Mädchen, die die Guangdong-Stickerei in ihren Boudoirs ausübten. Man geht davon aus, dass die Kunstform denselben Ursprung hat wie die Brokatweberei der ethnischen Gruppe der Li.
Das gemäßigte Klima und die reichen Niederschläge in Guangdong erwiesen sich als ideal für den Anbau von Maulbeerbäumen sowie die Seidenraupenzucht, was wiederum die Seidenweberei begünstigte. Eine solide Grundlage im Volkshandwerk, das einzigartige natürliche und kulturelle Umfeld der Region Lingnan sowie handwerkliche Einflüsse der ethnischen Minderheiten – dieser besondere Mix förderte die Entstehung und Entwicklung der Guangdong-Stickerei. Lingnan, wörtlich „südlich der Berge“, bezeichnet heute allgemein die Regionen Guangdong, Guangxi, Hainan, Hongkong und Macao. In der Ming-Dynastie (1368–1644) hatte sie es bereits zu großer Bekanntheit bis über Chinas Landesgrenzen hinaus gebracht. Die Stickwaren gelangten bis ins ferne Europa, wurden zum Beispiel in Portugal, England und Frankreich gehandelt.
Während der Qianlong-Herrschaft der Qing-Dynastie (1636–1911) gründete man in Guangzhou eine eigene Gilde für Guangdong-Stickerei – die erste Branchengilde ihrer Art. Die damalige Fülle an Stickmeistern führte zu einer kontinuierlichen Verfeinerung der Techniken und Stiche. Nachdem westlichen Handelsschiffen die Einfahrt in den Hafen von Guangzhou gestattet worden war, gelang der Guangdong-Stickerei endgültig der Sprung auf die Weltbühne. Die Stickerei fand breite Anwendung, verzierte vielerorts Wandschirme, schmückte Alltagsgegenstände wie Kleidungsstücke, Kopfbedeckungen, Steppdecken und Kissen. Man fand sie sogar auf zeremoniellen Gewändern und religiösen Ornamenten wieder, was ihre bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellt.

Auch Liang Xiuling führt die Tradition der Guangzhou-Stickerei fort, und das in fünfter Generation.
Den Ursprüngen verbunden
Als eine der vier renommierten Stickereien Chinas stellt die Guangdong-Stickerei also eine eigenständige Kunstform dar. Ihre Stichtechniken sind bemerkenswert vielfältig, die Stiche von größter Gleichmäßigkeit. Die Stickkünstler setzen Stichtechniken und Seidenfäden geschickt ein, um die Textur der Motive naturgetreu wiederzugeben. Außerdem verfügt die Guangdong-Stickerei über eine große Themenvielfalt und eine reiche Farbpalette. Besonders ins Auge sticht dabei der harmonische Wechsel von Licht und Schatten.
Neben den Stichtechniken legt die Guangdong-Stickerei besonderen Wert auf ihre künstlerische Wirkung. Die Technik steht dabei stets im Dienste der Ästhetik. Ziel ist es, einzigartige Motive aus Nadel und Zwirn zu kreieren. In Sachen Material vertraut die Stickkunst vorwiegend auf Samtgarn sowie Gold-, Silber- und Seidenfäden. Daraus ergibt sich eine reichhaltige Palette an Farben und Texturen. Als Grundgewebe dienen Baum- oder Schafswolle, Leinen und Seide. Die Mitte des 18. Jahrhunderts in Guangdong beliebte „Gold-auf-Leder-Stickerei“ verwendete sogar dünnes Lammfell als Untergrund, auf welches man Goldfolie auftrug. Das Ergebnis waren goldschillernde Stickerei-Stücke von außergewöhnlicher Schönheit.
Auch die Muster und Motive der Guangdong-Stickerei verströmen einzigartigen lokalen Charakter. Häufig sind sie von Werken der Lingnan-Malerei inspiriert. Daher zeigen die Motive überwiegend Landschaften und kulturelle Besonderheiten aus der Region Lingnan, etwa ortstypische Architektur, Figuren und Schriften. Blumen- und Fruchtmotive wie Litschi oder Asiatische Kapokblüten zählen zu den charakteristischen Motiven. Damit spürt die Guangdong-Stickerei dem Leben und der Kultur in Lingnan behutsam auf den Puls. Klassische chinesische Motive wie „Drachen und Phönix bringen Glück“, „Der rote Phönix begrüßt die Sonne“, „Duftende Mangos und springende Vögel“ oder „Elstern steigen empor zum Pflaumenbaum“ sind allesamt kulturelle Symbole des Glücks und der Lebensfreude. Sie spiegeln das Streben der Menschen nach einem unbeschwerten Leben. Diese Art der Stickerei hat sich über die Jahrtausende ihren unverwechselbaren Charakter bewahrt. Selbst bei Objekten, die speziell für den kaiserlichen Hof bestimmt waren, verbogen sich die Künstler nicht einfach für die Vorlieben des Hofes. Auch liefen sie nicht blind kulturellen Trends hinterher, sondern behielten bewusst ihren einfachen Volksstil bei.

Edler Zwirn aus alten Zeiten: ein Meisterwerk der Guangzhou-Stickerei aus der Qing-Dynastie
Sticken mit Metallfäden
Seit Mitte der Qing-Dynastie hat sich die Guangdong-Stickerei kontinuierlich weiterentwickelt. Heute umfasst sie im Großen und Ganzen vier Arten: Samt-, Faden-, Metallfaden- und Goldwoll-Stickerei. Aufgrund unterschiedlicher Schulen zeichnen sich die Guangzhou- und die Chaozhou-Stickerei jeweils durch unterschiedliche Vorzugsbereiche aus und verwenden auch verschiedene Stichtechniken. Bei der Samtstickerei ist die Guangzhou-Stickerei die bekannteste. Sie wird mit Samtgarn hergestellt und verwendet für möglichst prächtige und schillernde Effekte gekonnt farbige Perlen sowie Gold- und Silberstickgarne. Die Metallfadenstickerei hingegen findet ihre höchste Vollendung in der Chaozhou-Stickerei. Die gold- bzw. silberfarbenen, mit Samt verwobenen Metallfäden werden über Techniken wie Polsterung, Sticken, Applizieren, Patchwork, Punktieren und Verzieren verarbeitet. So entsteht eine dicke, herausstechende Polsterung unter der Stickerei, wodurch die Muster auf dem Stoff eine lebensechte Plastizität erhalten, die an Flachreliefs erinnert.
Was die Nadelarbeitstechniken betrifft, umfasst die Guangzhou-Stickerei über 30 Arten in sieben Hauptkategorien, darunter gerader Drehstich, Wickelstich und Variantenstickerei. Hinzu kommen noch einmal gut ein Dutzend Nadelarbeitstechniken der Metallfadenstickerei in sechs Kategorien, wie Flach- und Brokatstiche und Applikationsstickerei. Allein die Chaozhou-Stickerei verfügt über mehr als 60 Techniken für die Metallfadenbefestigung, darunter auch sogenannte „Zweistich-Schuppenmuster“, die bei keinem anderen Stickstil zu finden sind. Zusätzlich unterscheiden Experten zudem über 40 Samtsticharten sowie Spezialtechniken wie Falt- und Einlegestickerei sowie die Konturierung mit Gold- und Silberfäden oder braunen Seidenfäden. Diese komplexe Vielfalt ermöglicht es, Werke mit lebendigen Farben und scharf definierten Texturen zu schaffen.
Traditionen weitergeben und Neues wagen
Nach Blütezeiten während der Qing-Dynastie, der Republik China (1912–1949) und den frühen Jahren der Volksrepublik wurden die traditionellen Handstickereien allerdings nach und nach durch maschinell hergestellte Produkte ersetzt. Heute steht und fällt das Fortleben der Guangdong-Stickerei daher mit der gekonnten Verbindung von Schutzanstrengungen, mutigen Innovationen und gezielter Weitergabe.
In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Stickmeister mit akribischer Präzision der Verfeinerung ihres Handwerks gewidmet. So etwa Chen Shaofang, eine Meisterin der Guangzhou-Stickerei, die wichtige Pionierarbeit in Sachen Farbgestaltung mit Seidenfäden geleistet hat, oder auch Liang Xiuling, Erbin einer Traditionsfamilie der Guangzhou-Stickerei. Darüber hinaus haben viele Fortführer der alten Handwerkskunst Innovationen in die Guangdong-Stickerei eingebracht. Dank ihres Engagements gelten Stickerei-Ornamente heute etwa als i-Tüpfelchen für schicke Abendgarderobe oder edle Brautkleider. Auch auf den Laufstegen der Modewelt ist die Stickkunst aus Guangzhou zunehmend präsent. Jeder Stich bewahrt dabei nicht nur die inhärente Schönheit der Seidenfäden, sondern auch die wertvolle Kultur sowie die unverfälschten und lebendigen Volksbräuche der Region Lingnan.
*Professorin Chen Ping ist Vorsitzende des UNESCO-Lehrstuhls zur Bewahrung und Innovation des traditionellen Weltkunsthandwerks. Zugleich fungiert sie als Direktorin des Instituts für Kulturerbe und Kreativindustrie an der Jinan-Universität in Guangzhou sowie als Vizepräsidentin der Internationalen Organisation für Volkskunst.
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