
Lars Anke, Leiter des Hamburg Liaison Office Shanghai(Foto: Interviewpartner)
Traditionell sind Shanghai und Hamburg als zwei bekannte internationale Hafenstädte eng miteinander verbunden. Im 19. Jahrhundert war die Hansestadt bereits mit einem eigenen Konsulat am Huangpu-Fluss vertreten. Seit 1986 sind beide Städte verschwistert. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich die Zusammenarbeit kontinuierlich vertieft, reicht längst über Wirtschafts- und Hafenkooperation hinaus, umfasst etwa auch Bildung und kulturelle Aspekte. Die Städtepartnerschaft gilt als ein Paradebeispiel des chinesisch-deutschen Austausches auf lokaler Ebene.
Es ist eine Partnerschaft, deren Geschichte sich nicht ohne Lars Anke, den Leiter des Hamburg Liaison Office Shanghai, erzählen lässt. Er lebt und arbeitet schon seit 20 Jahren in Shanghai, engagiert sich nachhaltig für mehr Verbundenheit. 2017 wurde er für seine herausragenden Verdienste um den Austausch beider Städte mit dem „Magnolienpreis“ der Stadt Shanghai ausgezeichnet. Wir haben mit dem Brückenbauer über die Entwicklung und Perspektiven der Städtepartnerschaft gesprochen und ihn gefragt, was er persönlich an der Metropole Shanghai schätzt.
Herr Anke, in diesem Jahr jährt sich die Städtepartnerschaft zwischen Shanghai und Hamburg zum 40. Mal. Sie waren schon einmal zwölf Jahre lang Leiter des Hamburg Liaison Office in Shanghai und sind es seit letztem Jahr wieder. Könnten Sie einige Beispiele für Initiativen nennen, die Sie persönlich zur Verbesserung der Beziehungen gestartet haben?
Ein wichtiges Projekt war sicherlich Hamburgs Beteiligung an der Expo 2010 Shanghai China, auf der sich die Stadt mit dem ersten zertifizierten Passivhaus Chinas Hunderttausenden von Besuchern präsentieren konnte. Dieses „Hamburg House“ steht bis dato auf dem UBPA Gelände am Huangpu-Fluss und beherbergt heute unsere Vertretung – ein sichtbares Zeichen der Partnerschaft. Gleichzeitig ist der Yu-Garten in der Hansestadt seit 2008 ein Botschafter Shanghais an der Elbe.
Neben diesen sehr physisch erlebbaren Projekten ist vor allem die Förderung des Austausches zwischen den Menschen von größter Bedeutung. Der Aufbau des Hamburger Bildungspools für China seit 2015 ist hier ein Paradebeispiel. Hamburger Hochschulen und Bildungseinrichtungen können sich hierüber in China und Shanghai präsentieren. Der zwischenmenschliche Austausch ist seit 40 Jahren ein fester Bestandteil unserer Partnerschaft, der weiter gepflegt und vertieft wird. Persönlich liegt mir insbesondere die Vielfältigkeit und Breite der Kooperation am Herzen. Neben Hafen-, Wirtschafts- und Politikthemen spielen immer auch der gesellschaftlich-kulturelle und der touristische Austausch eine Schlüsselrolle. All diese Bereiche fördern zu dürfen, war und ist für mich ein großes Privileg.
Chinas erstes zertifiziertes Passivhaus: Das „Hamburg House“ in Shanghai (Foto: Hamburg Liaison Office Shanghai)
Wie Sie gerade erzählt haben, sind Gärten im Zeichen der Städtefreundschaft zu einem der lebendigsten Wahrzeichen geworden. Neben dem besagten Yu-Garten wurde jüngst der Hamburg-Garten auf dem Gelände der Shanghai International Flower Show 2026 präsentiert. Was halten Sie davon?
Diese neue Gartenanlage ist definitiv ein weiteres Sinnbild unserer Partnerschaft. Nicht nur das Design des Gartens, das die maritime Atmosphäre und Offenheit beider Städte widerspiegelt und mit seinen Brückenelementen unsere Verbundenheit symbolisiert, sondern auch die Blumen selbst sind Teil der gemeinsamen Geschichte beider Städte, Länder und Kontinente. Rhododendren kommen ursprünglich aus Asien, sind aber bereits lange auch in Europa heimisch und insbesondere eine typische Pflanze für Hamburg und ganz Norddeutschland. Wir hoffen, dass viele Shanghaier während der Flower Show Freude am Hamburg-Garten hatten und wir damit einen kleinen Beitrag leisten konnten, Shanghai und Hamburg noch näher zusammenzubringen.

Einweihungsfeier: Carola Veit (4. v. l.), Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, posiert gemeinsam mit einer Parlamentarierdelegation bei der offiziellen Eröffnung des Hamburg-Gartens.
(Foto: Hamburg Liaison Office Shanghai)
Shanghai und Hamburg sind gleichsam Hafenstädte und Wirtschaftszentren von Weltrang. Worin liegen aus Ihrer Sicht die größten Gemeinsamkeiten, worin die größten Unterschiede?
Augenfälligster Unterschied ist natürlich zunächst einmal die Größe. Verglichen mit Shanghai ist Hamburg klein und übersichtlich. Zudem hat sich Shanghai in den vergangenen 40 Jahren völlig neu erfunden. Die Stadt ist zu einer modernen, internationalen Metropole gereift, die in vielen Bereichen, beispielsweise bei Digitalisierung und E-Mobilität, führend ist. Hier kann Hamburg heutzutage von Shanghai lernen, so wie Shanghai einst von Hamburg gelernt hat, etwa bei der Entwicklung des Hafens oder einzelner Stadtteile wie Anting. Ich halte das für eine schöne Entwicklung.
Letztlich aber überwiegen die Gemeinsamkeiten die Unterschiede: Beide Metropolen sind Hafenstädte – weltoffen, kosmopolitisch und dynamisch. Dies trifft im Übrigen auch auf die Menschen zu, weshalb meiner Meinung nach die Partnerschaft so aktiv und vielseitig gelebt wird. Beide Städte stehen heute vor gemeinsamen Herausforderungen – hier sind Themen wie Umweltschutz, sozialer Wandel und die Überalterung der Gesellschaft zu nennen. Alles Felder, in denen es auch in Zukunft viel voneinander zu lernen gibt.
Sie haben in der Vergangenheit auch als Chief Representative Asia-Pacific der Hamburger Hafen und Logistik AG fungiert. Aus Ihrer Beobachtung: Welche Fortschritte hat die Zusammenarbeit zwischen den Häfen Shanghai und Hamburg in den letzten Jahren erzielt? Und trägt die Kooperation mit China auch neue Entwicklungschancen in die Hansestadt?
Heute steht jeder dritte in Hamburg abgewickelte Container mit dem China-Handel in Verbindung. China ist das wichtigste Fahrtgebiet des Hamburger Hafens, der in Europa der drittgrößte, für den Handel mit China sogar der bedeutendste ist. Auch in den Jahren der Krise sehen wir hier eine stabile Entwicklung und hoffen, dass die geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen dies auch in Zukunft weiter ermöglichen. Zwischen Shanghai und Hamburg besteht seit 2004 eine Hafenpartnerschaft, die jüngst durch die Unterzeichnung eines Memorandums zur Green Shipping Corridor Partnerschaft noch vertieft wurde. In Hamburg entstand 2001 das erste vollautomatische Containerterminal der Welt, das Shanghai viele Anregungen für seine eigene Hafenentwicklung lieferte. Heute können wir in Hamburg wiederum von Shanghais Erfahrungen in vielen anderen Bereichen lernen und gemeinsam, etwa mit Blick auf Landstrom, alternative Antriebsstoffe oder Automatisierung, neue Lösungsansätze für die Zukunft erarbeiten. COSCO ist einer der wichtigsten und langjährigsten Kunden der Terminals der HHLA in Hamburg. Deshalb freuen wir uns sehr, dass sich COSCO Shipping Ports als Minderheitsanteilseigner am Containerterminal Tollerort verpflichtet hat, Hamburg als wichtigen Hub für den Asienverkehr gemeinsam mit uns auszubauen.

Erstfahrt des „Shanghai-Express“: Am 28. September 2021 rollt der erste Containerzug von Shanghai aus nach Hamburg, beladen mit 50 Zwanzig-Fuß-Standardcontainern (TEU).
Neben dem Hafenbereich: In welchen anderen Wirtschafts- und Handelsfeldern gibt es denn Kooperationsschwerpunkte zwischen beiden Städten?
Mehr als 500 chinesische Unternehmen haben in Hamburg investiert, darunter große Namen wie COSCO, aber auch viele mittelständische Firmen. Hamburg mit seiner starken China-Community, seiner zugkräftigen Wirtschaft und seiner logistischen und wirtschaftlichen Stellung in Europa ist eine ideale Basis für chinesische Unternehmen, die den europäischen Markt erschließen wollen. Hamburg Invest und wir bieten hier optimale Unterstützung. Shanghai ist derweil Heimat von rund 50 Hamburger Firmen, darunter so bekannte Namen wie Beiersdorf, Montblanc und Steinway. Der chinesische Markt ist für die Hamburger Wirtschaft von immenser Bedeutung und Shanghai eine bevorzugte Basis. Beide Städte haben vergleichbare Industriestrukturen, die sich bestens ergänzen. Neben Logistik und Konsumgütern spielen Waren und Dienstleistungen in den Bereichen Health Care, erneuerbare Energien, Umwelt, Luftfahrt und Schiffbau eine bedeutende Rolle. Letztlich bietet die breite wirtschaftliche Basis beider Städte und ihres Hinterlandes für alle Branchen große Chancen. Hierbei unterstützen wir sowohl Hamburger als auch Shanghaier Unternehmen gern.
Hochwertige Entwicklung und hochgradige Außenöffnung sind zwei zentrale Schlagworte in Chinas 15. Fünfjahresplan. Welche neuen Chancen bietet dieser Plan Ihrer Meinung nach für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Hamburg und Shanghai?
Die Welt steht vor globalen Herausforderungen, etwa im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes, ebenso wie im Umgang mit der übermäßigen Bevölkerungsalterung. Als Exportnationen müssen China und Deutschland außerdem dem wirtschaftlichen Transformationsprozess besondere Beachtung schenken, auch mit Blick auf Automatisierung und KI. Hier gibt es aus meiner Sicht viele Kooperationsmöglichkeiten auf unterschiedlichsten Gebieten. Die letzten 40 Jahre haben gezeigt, dass Globalisierung und wirtschaftliche Öffnung für Wohlstand und Entwicklung gesorgt haben, in China wie in Deutschland, in Shanghai wie in Hamburg. Wir sollten uns klarmachen, dass dieses Erfolgsrezept, gerade in Zeiten großer Herausforderungen und wachsender Unsicherheiten, weiter Gültigkeit besitzt – natürlich unter Berücksichtigung der dynamischen Veränderungen, die ökonomische Resilienz und ökologische Nachhaltigkeit erfordern. China und Deutschland begegnen sich heute auf Augenhöhe. Gemeinsam können wir den genannten Herausforderungen in einem regelbasierten und fairen Umfeld besser begegnen als allein.

Berühmte Skyline: Diese ausländischen Besucherinnen posieren vor dem Shanghaier Finanzviertel Pudong.
Sie selbst leben seit 20 Jahren in Shanghai. Was bedeutet Ihnen die Metropole?
In den letzten zwei Jahrzehnten ist Shanghai natürlich zu einer Art zweiter Heimat für mich geworden. Die Dynamik und der stetige Wandel der Stadt sind faszinierend und herausfordernd zugleich. Die positive Einstellung der Shanghaier zu diesen Veränderungen beeindruckt mich sehr. Persönlich genieße ich vor allem, wie grün Shanghai in den letzten Jahren geworden ist. Die vielen Parks in der Stadt, ebenso wie die Promenaden am Huangpu-Fluss bieten ein wirkliches Plus an Lebensqualität – und erinnern manchmal auch ein wenig an Hamburg. Nach so vielen Jahren zwischen Deutschland und China ist ein bisschen Heimweh natürlich ein ständiger Begleiter: Wenn ich in Shanghai bin, vermisse ich von Zeit zu Zeit die Ruhe in Deutschland und den Blick auf den Hamburger Hafen. Wenn ich dagegen in Hamburg bin, fehlen mir das Shanghaier Essen und die quirlige Lebendigkeit am Huangpu-Fluss. Insofern ist es umso schöner, dass Hamburg und Shanghai so viel verbindet.

