Zukunftsvision oder Jobkiller? – Chinesisches Startup rollt globalen Robotikmarkt auf

Keenon Robotics – diesen Namen sollten Sie sich merken. Denn das chinesische Startup rollt gerade von Shanghai aus den globalen Robotikmarkt auf. Gegründet 2010 ist der Newcomer in nur wenigen Jahren zu einem der führenden Unternehmen der Branche aufgestiegen und gilt in China als „kleiner Riese“. Das Tech-Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von Dienstleistungsrobotern spezialisiert und wendet sich aktuell verstärkt humanoiden Robotern zu. Werden die Robo-Helfer aus Shanghai schon bald unseren Alltag revolutionieren? Ein Besuch in der Firmenzentrale vor Ort.

XMAN-R1 serviert Popcorn

Schon beim Betreten der Keenon-Firmenzentrale bekommt man einen Vorgeschmack darauf, wie unsere Welt in Zukunft aussehen könnte: Zur Begrüßung gibt es für Besucher zunächst eine Runde Popcorn – mit routinierten, geschmeidigen Bewegungen frisch geschöpft aus der Popcornmaschine, nicht etwa von einem Menschen, sondern vom Arm eines humanoiden Roboters. Der Robo-Mitarbeiter füllt den knusprigen Puffmais versiert in einen Pappbecher, den er anschließend auf den Tisch stellt. Bestellt wird einfach per Tablet am Tresen.

Ohne einen Finger krumm zu machen: Dieser Robo-Helfer versorgt Besucher des Keenon-Showrooms auf Knopfdruck mit Popcorn. (Foto: Wang Ruying)

„Popcornverkäufer“ XMAN-R1 hat schon allerlei prominente Kundschaft bedient. Darunter im letzten Jahr sogar Staatspräsident Xi Jinping, als dieser zu einer Inspektionsreise in Shanghai weilte. Vor allem für Restaurants und Hotels sei dieser verkörperte Serviceroboter, der im März vergangenen Jahres auf den Markt kam, interessant, erklärt man uns.

Wie der XMAN-R1 zählen die meisten Produkte von Keenon zur Gattung der Dienstleistungsroboter. Die Entscheidung für den Servicesektor kommt dabei nicht von ungefähr, wie Keenon-Gründer und CEO Li Tong erklärt. „Für uns war die Marktnachfrage ausschlaggebend. Und im Dienstleistungssektor herrscht aktuell einfach ein Mangel an Arbeitskräften – wo Bedarf ist, entsteht bekanntlich ein Markt“, sagt der Geschäftsmann.

„Nehmen wir die Gastronomie als Beispiel: Forschungen zufolge legt eine Servicekraft hier täglich im Schnitt über 30.000 Schritte zurück. Die Tätigkeit ist also körperlich recht anstrengend, was viele Bewerber abschreckt“, sagt Li. Außerdem erschweren die begrenzten Karriereperspektiven in diesem Beruf die Personalbeschaffung.Um den Arbeitskräftemangel in der Gastronomie abzufedern, widme sich sein Unternehmen der Entwicklung von Servierrobotern – mit Erfolg. 2018 kamen die Serviceroboter von Keenon erstmals im Smart-Restaurant der Feuertopfkette Haidilao in Beijing zum Einsatz, was prompt einen Trend in der Gastronomie auslöste und dem Unternehmen viele neue Aufträge einbrachte. Gleichzeitig stieß der ehrgeizige Roboterhersteller in weitere Branchen vor: 2021 trat er offiziell in den Markt für Hotelroboter ein, 2022 und 2023 folgten die Einstiege in die Bereiche Medizin und Reinigungsroboter.

Seit vergangenem Jahr sorgt in China verkörperte künstliche Intelligenz immer wieder für Schlagzeilen. Gemeint ist die Integration von KI-Technologie in physische Agenten, um diese zu befähigen, ihre Umwelt wahrzunehmen, zu lernen und flexibel mit ihrer Umgebung zu interagieren. Diese physischen Agenten können humanoid sein, aber auch andere Formen annehmen. Bevor Keenon in den Markt für humanoide Roboter vorstieß, hatte das Startup bereits beachtliche Erfolge in der Herstellung nicht-humanoider Roboter gefeiert. Warum nun also die Schwerpunktverschiebung auf die Erforschung und Entwicklung humanoider Roboter, wollen wir wissen.

Dazu erklärt der CEO: „Humanoide Roboter sind eine ganz besondere Form von Robotern. Denn alles auf unserer Welt ist für den Menschen gestaltet. Durch die Nachbildung des menschlichen Körpers sind diese Roboter maximal in der Lage, sich flexibel an unsere menschliche Welt anzupassen.“

Immer auf der Suche nach neuen Lösungen stellte die aufstrebende Techfirma immer wieder neue humanoide Serviceroboter vor, so etwa auch den XMAN-F1, der im Juli letzten Jahres auf den Markt kam. Dieser neue Typ basiert auf dem Modell XMAN-R1, wurde jedoch um ein zweibeiniges Design erweitert. Dank biomimetischer Technik ist der XMAN-F1 flink unterwegs und findet sich selbst in komplexen Umgebungen mühelos zurecht, selbst beim Gang über Stufen, Rampen oder Treppen. Dank eines präzisen Steuerungssystems bleibt er auch in engen Räumen mit dichtem Gedränge stabil in Bewegung, verbindet Effizienz und Sicherheit. „Unsere Ambition ist es, humanoide Roboter zu entwickeln, die nicht nur laufen und springen können, sondern reale Arbeiten übernehmen und dem Menschen so besser dienen“, beschreibt Li seine Vision.

Gut aufgestellt: Keenon hat sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen in der Branche gemacht. (Foto: Wang Ruying)

Tüftlergeist als Erfolgsformel

Mittlerweile sind die Roboter aus dem Labor in die reale Welt getreten. In China sind Dienstleistungshelfer wie diese in manchen Hotels und Restaurants längst gang und gäbe. Oberflächlich betrachtet mögen ihre Einsatzszenarien simpel anmuten. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich, dass die technischen Helfer im Servicesektor häufig mit komplexen Herausforderungen konfrontiert sind.

Keenon-CTO Tang Xuanlai gibt uns einen Einblick: „Erstens stellen unvorhergesehene Umgebungsbedingungen eine Herausforderung dar. In einem Restaurant beispielsweise bleibt der Menschenstrom nie unverändert, weshalb der Roboter lernen muss, Bewegungen zu erkennen und auf sie zu reagieren.“ Darüber hinaus sei die Interaktion mit Menschen eine komplexe Aufgabe. „Es geht hier nicht nur um sprachliche Kommunikation, sondern auch um körperliche Interaktionen“, sagt er. Dafür bräuchten die Roboter gute Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeiten. „Letztlich haben wir uns mit dem Schritt, in die Kommerzialisierung von Servicerobotern einzusteigen, selbst einen harten Knochen vorgesetzt“, sagt Tang und lacht.

Um einen reibungslosen Einsatz sicherzustellen, durchläuft jeder einzelne Roboter vor der Auslieferung eine Reihe von Tests. Im Produkttestbereich bekommen wir exklusive Einblicke, wie die Testingenieure verschiedene Anwendungsszenarien entwerfen, um unterschiedliche Einsatzsituationen praxisnah zu simulieren. Anschließend werden die Roboter auf verschiedenen Probeflächen eingesetzt, um ihre Reaktionsfähigkeit zu überprüfen.

„In den Tests stoßen wir auf einige Probleme, denen unsere Kunden auch im Alltag begegnen könnten. Zum Beispiel kann es passieren, dass ein Reinigungsroboter während der Arbeit plötzlich stehen bleibt. Durch Analyse des Datenfeedbacks können wir die Ursache ermitteln – etwa übermäßige Steigung, die Beschaffenheit des Bodenmaterials oder auch Hardwarefehler. Anschließend optimieren wir unsere Algorithmen entsprechend bzw. nehmen Hardware-Anpassungen vor“, erklärt Zhu Xiaojun, Leiter der Abteilung für Regierungsangelegenheiten bei Keenon.

Beim Training menschenähnlicher Roboter steht der chinesische Hersteller generell vor einer zentralen Frage: Wie lassen sich die Roboter intelligenter machen? „Jeder humanoide Roboter verfügt gewissermaßen über ein Groß- und ein Kleinhirn. Letzteres ist für die Bewegungssteuerung zuständig. Entscheidend ist jedoch das Großhirn, das die kognitiven Entscheidungen übernimmt“, sagt Deng Wenqiang, Leiter des Labors für verkörperte KI bei Keenon.

Das A und O beim Training der Robotergroßhirne seien Daten, betont er. Allerdings fehle es Entwicklern bisher an einer ausreichenden Menge realer Alltagsdaten. „Unser nächster Schritt ist daher eine intensivere Datensammlung“, sagt Deng.

Probezeit: Diese Testingenieure simulieren für das „Robo-Personal“ die Umgebungsbedingungen eines Restaurants. (Foto: Wang Ruying)

Roboter als Jobkiller?

Als eines der ersten chinesischen Robotikunternehmen, die ins Ausland expandieren, positioniert sich Keenon erfolgreich auf dem globalen Markt. Derzeit verfügt das Unternehmen in Übersee über fünf Tochtergesellschaften bzw. Büros. Die Geschäfte erstrecken sich auf mehr als 600 Städte in über 60 Ländern. Insgesamt hat das Startup bisher über 100.000 Roboter ausgeliefert, die bereits mehr als 1,23 Milliarden Serviceeinsätze absolviert haben.

Mit seinem Erfolg trägt Keenon auch dazu bei, Chinas Image als Tech-Nation zu polieren. „‚Made in China‘ stand für viele Menschen im Ausland früher primär für günstige Preise. Tatsächlich sind heute viele chinesische intelligente Endgeräte – auch Serviceroboter – ausländischen Konkurrenzprodukten leistungsmäßig überlegen, und das bei günstigerem Preis“, räumt CEO Li mit gängigen Vorurteilen auf. „Unser Erfolg ist untrennbar mit unserem Standort verbunden. Dank der kompletten Lieferkette und dem großen Pool an hochqualifizierten Fachkräften im Jangtsedelta haben wir uns eine strategisch günstige Position auf dem Markt gesichert.“

Ein Teil des Erfolgsrezeptes ist auch, dass Keenon beim Ausbau seines Auslandsgeschäfts stark auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Märkte achtet und umfassende Marktrecherchen durchführt. So seien etwa Restaurants in Japan häufig kleiner, weshalb die dorthin exportierten Roboter ebenfalls kleiner sein müssten, erklärt Keenons COO Wan Bin. Das für den japanischen Markt entwickelte Modell T8 könne sogar durch nur 50 Zentimeter breite Gänge fahren, gibt er zu Protokoll. „Wir passen unsere Produkte eben genau an die jeweiligen lokalen Geschäftsanforderungen an.“

Am Ende unserer Recherche stellen wir die wohl entscheidende Frage: Wenn Roboter zunehmend Alltagsaufgaben übernehmen, verliert die menschliche Arbeitskraft dann nicht an Wert? Li sieht das anders: „Unsere Logik ist einfach: Routinearbeiten und körperlich anstrengende Aufgaben sollen von Robotern übernommen werden, damit sich die Menschen stärker auf kreative, kommunikative und qualitativ hochwertige Serviceleistungen konzentrieren können. Gerade in Märkten wie Japan, Südkorea, Europa und den USA ersetzen unsere Restaurantroboter vor allem einfache, repetitive Tätigkeiten, etwa das Servieren oder den Geschirrabtransport. Die menschlichen Angestellten gewinnen dadurch mehr Zeit für den direkten Kontakt mit den Gästen und können so ein besseres Serviceerlebnis schaffen.“

Mit Blick auf die Zukunft sieht der CEO außerdem großes Potenzial im Gesundheits- und Pflegebereich, wo viele Länder bereits vor einem erheblichen Arbeitskräftemangel stünden. Dort könnten Serviceroboter künftig eine wichtige unterstützende Rolle spielen, sagt er. „Wir werden weiterhin in diese Bereiche investieren und entsprechende Lösungen entwickeln, um neue Einsatzszenarien zu erschließen, bei gleichzeitigem Ausbau unserer internationalen Märkte.“