Shopping mit ruhigem Gewissen: Chinas Verbraucher setzen auf Grün

Was interessiert chinesische Käufer beim Shoppen? Neben Preis und Leistung wollen auch immer mehr Menschen in China heute genau wissen: Wie viel CO verursacht dieses Produkt eigentlich?

Ein Trend, der sich im April auch deutlich auf der sechsten China International Consumer Products Expo abzeichnete. Eines der Messe-Highlights: „Kohlenstoffneutraler Kaffee“, auf dessen Verpackung der gesamte CO-Fußabdruck der Lieferkette nachzuverfolgen war. Der Andrang am Stand des Anbieters, der Beijing Organic and Beyond Corporation (OABC), war groß. Laut Mitarbeiter Shi Yuguang wird beispielsweise die Kaffeeverpackung aus „Fruchtpapier“ hergestellt, bei dem man 15 Prozent des ursprünglichen Zellstoffs durch Traubentrester ersetzt. OABC hat inzwischen die Berechnung des CO-Fußabdrucks über die gesamte Produktionskette realisiert und kann seiner Kundschaft so kohlenstoffneutrale Produkte anbieten. Von den Rohstoffen bis zur Auslieferung sind die CO-Emissionen für jeden Schritt erfasst und werden bewusst reduziert. Ein Vorgehen, das ankommt bei der Kundschaft. Grüner Konsum wird von chinesischen Verbrauchern inzwischen sehr ernst genommen.

Solche grüne Produkte waren auch auf der Consumer Expo in Haikou, Hauptstadt der Inselprovinz Hainan, allgegenwärtig: Modische Taschen aus recycelten Materialien, Yachten mit alternativem Antrieb, kühlende Bettdecken aus Biomaterial, abbaubare Plüschdecken – die Liste der nachhaltigen Waren war lang. Mehr als 3400 Marken aus über 60 Ländern und Regionen zeichneten gemeinsam eine Weltkarte des grünen Konsums.

 

Bio von oben: Landwirte in der Provinz Anhui Ende April bei der Ernte von Bio-Blumenkohl

Das Messeangebot zeigt: Umweltbewusstes Konsumverhalten kommt bei chinesischen Verbrauchern gut an, insbesondere bei jungen Menschen. Sie bevorzugen nachhaltige Marken, kaufen energieeffiziente Produkte und setzen auf umweltfreundliche Fortbewegungsmittel. Dieser Trend bringt ganz neue Konsumgewohnheiten hervor und prägt einen neuen Lebensstil.

Der von der China General Chamber of Commerce (CGCC) veröffentlichte „Bericht zur Entwicklung des grünen Konsums 2025“ schätzt das Gesamtmarktvolumen in Chinas Schwerpunktbereichen des grünen Konsums für 2025 auf sieben Billionen Yuan. Davon entfallen 629,2 Milliarden Yuan auf Bio-Lebensmittel, 2,2 Billionen Yuan auf neue Energiefahrzeuge, 2,3 Billionen Yuan auf umweltfreundliche Haushaltswaren und 1,9 Billionen Yuan auf den Handel mit Gebrauchtwaren. Der grüne Konsum erweist sich also als entscheidender Motor für eine qualitativ hochwertige Wirtschaftsentwicklung und den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft.

Politik als Förderer: Wenn Grün sich lohnt

Die starke Dynamik des grünen Konsums speist sich einerseits aus der freiwilligen Wahl der Verbraucher, andererseits ist sie auch das Ergebnis politischer Lenkung und gezielter Anreize. Wang Zhibin, Direktor der Abteilung für Technologie und Finanzen des chinesischen Umweltministeriums, erklärte jüngst auf einer Pressekonferenz des Staatsrates: „Der Gedanke eines grünen, kohlenstoffarmen und umweltfreundlichen Konsums findet bei immer mehr Menschen Anklang. Grüner Konsum wird immer mehr zu einem festen Bestandteil unserer Lebens und -Produktionsweise.“

Wie aber werden umweltfreundliche und emissionsarme Verhaltensweisen für den Einzelnen lohnend? Wang erläutert dies am Beispiel der Plattform „Wuhan Carbon Inclusion“: „Dieses Portal richtet für die Menschen persönliche CO-Konten ein. Mithilfe digitaler Technologien werden die CO-Einsparungen aus elf verschiedenen emissionsarmen Verhaltensweisen – darunter die Nutzung von Bus und U-Bahn, Radfahren und Stromsparen – automatisch berechnet. Diese Ersparnisse können dann gegen Rabatte in Einkaufszentren und Supermärkten eingetauscht oder für gemeinnützige Projekte wie den Schutz seltener Fischarten im Jangtse gespendet werden.“ Die besagte Plattform zähle bereits mehr als zwei Millionen Nutzer, sagt Wang. Man habe bis dato insgesamt über 24 Millionen Maßnahmen zur Emissionsminderung erfasst, mit einer gesamten persönlichen CO-Reduktion von über 40.000 Tonnen.

 

Grüne Fortbewegung in Shenzhen: E-Roller und Leihräder sind ein fester Bestandteil des Verkehrsalltags der Metropole.

Die stimulierende Wirkung der Politik kommt insbesondere beim Austauschprogramm „Alt gegen Neu“ für Konsumgüter zum Ausdruck. Nach Angaben des Handelsministeriums überstieg 2025 der Umsatz mit Produkten im Rahmen des Austauschprogramms 2,6 Billionen Yuan. Über 360 Millionen Menschen profitierten von der Aktion.

Chinas Regierung setzt also derzeit alle Hebel in Bewegung, um die Marktpotenziale des umweltfreundlichen Konsums weiter auszuschöpfen. Anfang dieses Jahres veröffentlichte das Handelsministerium gemeinsam mit acht weiteren Behörden ein Dokument zur Entfaltung einer Initiative zur Förderung des umweltfreundlichen Konsums. Darin werden detaillierte Pläne für die Umsetzung dieses Vorhabens während des 15. Fünfjahresplans (2026-2030) dargelegt und 20 konkrete Maßnahmen vorgeschlagen, darunter die Ausweitung des Angebots an umweltfreundlichen Agrarprodukten, die Förderung umweltfreundlicher Gastronomie und die Reduzierung des Verbrauchs von Einwegplastik. Ein weiterer Akzent liegt auf der Wiederverwertung von Altwaren und auf dem Handel mit Gebrauchtgütern. Für das Austauschprogramm für Konsumgüter stellte die Regierung Anfang April eine zweite Finanzspritze von 62,5 Milliarden Yuan bereit.


 Konsumieren mit gutem Gewissen: ein Secondhand-Laden in Shanghai

„Entscheidend ist nun, den umfassenden ökologischen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft weiter gezielt voranzutreiben, insbesondere mit Blick auf die Konsumbelebung“, sagt Guo Liyan, stellvertretende Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, im Interview mit der China Media Group. Grüner Konsum beschleunige den Kreislauf von Angebot und Nachfrage, erklärt sie, und besitze so das Potenzial, die grüne Wende von ganzen Industriezweigen zu forcieren.

Industriewandel: Grün als Plus statt Last

Neue grüne Trends im Konsumsektor weisen in China den Weg für die industrielle Transformation und Modernisierung. Sie veranlassen viele Städte und Unternehmen dazu, die neuen Chancen der grünen Entwicklung aktiv zu nutzen.

Ein Paradebeispiel ist Chizhou in der Provinz Anhui. Mit mehr als 40.000 Hektar Bambuswaldfläche ist die Stadt reich an Bambusressourcen. Vor Ort wird der geerntete Bambus mit Schneidemaschinen in wenige Zentimeter breite Streifen geschnitten und anschließend zur Anhui Hongye Group Ecological Bamboo Fiber Technology abtransportiert – einem führenden Unternehmen, das sich auf die Weiterverarbeitung und den Export von Bambusprodukten spezialisiert hat. Nach 18 präzisen Verarbeitungsschritten bekommen die Rohbambusstreifen ein neues Leben als Trinkhalme oder Besteck. Anschließend finden sie ihren Weg in über 100 Länder und Regionen weltweit.

Derzeit sind in Chizhou rund 90 Bambusverarbeitungsunternehmen ansässig, deren jährliche Verarbeitungskapazität für Rohbambus 900.000 Tonnen erreicht. 2025 überstieg der Produktionswert der örtlichen Bambusindustrie vier Milliarden Yuan, ein Plus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

In puncto Innovation stellt die neue Vorliebe chinesischer Verbraucher für energieeffiziente, umweltfreundliche Produkte auch für Unternehmen eine Triebkraft dar. 2025 stellte der chinesische Haushaltsgeräteriese Haier eine neue Waschmaschine mit drei Trommeln vor. Besonderes Highlight: Mit der neuen Maschine lassen sich verschiedene Kleidungsstücke getrennt voneinander waschen. Das trendige Gerät geriet schnell zum Verkaufsschlager, in nur neun Monaten gingen über 400.000 Exemplare über die Ladentheke.

Xu Sheng, Leiter der Abteilung zur Erforschung und Entwicklung von Zukunftsprodukten bei Haier Smart Home, bringt das Erfolgsrezept auf den Punkt: „geringerer Materialverbrauch und gesteigerte Effizienz“. Zum einen sei es gelungen, den Gesamtmaterialverbrauch um mehr als die Hälfte zu senken. Gleichzeitig erreiche das neue Gerät eine Energieeffizienz der Spitzenklasse 1, die einen Stromverbrauch von maximal 0,11 kWh und einen Wasserverbrauch von unter sieben Litern pro Kilogramm Wäsche vorschreibt. Das Haier-Modell unterbiete diese Sollwerte mit 0,06 kWh und fünf Litern deutlich.

Chinas Markt für umweltfreundliche Haushaltswaren boomt, auch dank staatlicher Förderung entlang der gesamten Lieferkette.

Xu Dongsheng, Vizevorsitzender des chinesischen Haushaltsgeräteverbands, ist der Ansicht, dass umweltbewusster Konsum auch einen Wandel in vorgelagerten Bereichen anstoße. Die gesamte Kette – von der Materialerforschung und -entwicklung über die Fertigung bis hin zu Anwendungstests – werde neu belebt, was die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit stärke.

Umweltbewusster Konsum erfordere letztlich gemeinsame Kraftanstrengungen von Regierung, Unternehmen und Verbrauchern, so das Fazit von Wirtschaftsinstituts-Vizechefin Guo. „Ausschlaggebend ist es, Verbrauchern in Sachen grünes Konsumdenken und -verhalten den Rücken zu stärken.“ Wenn Käufer bereit und in der Lage seien, umweltfreundliche Produkte mit gutem Gewissen zu konsumieren, treibe dies den ökologischen Wandel in den entsprechenden Branchen voran und sorge für einen reibungslosen Wirtschaftszyklus. „Und dies ist die entscheidende Richtung, damit sich Chinas Binnenmarkt von einem großen zu einem starken Markt entwickeln kann.“