Was ist mit Xizang seit der friedlichen Befreiung im Jahr 1951 passiert? Xizang, wie Tibet heute in China offiziell genannt wird, hat in den vergangenen Jahrzehnten enorme Entwicklungssprünge gemacht. Darüber diskutierten Ende Mai Fachleute aus zehn Ländern während eines internationalen Symposiums in Lhasa zum 75. Jahrestag. Selbst langjährige Xizang-Kenner staunen immer wieder über das anhaltend hohe Tempo der Veränderungen.
Die Teilnehmer besuchten zunächst Nyingchi und Lhasa. Danach sprachen sie über wirtschaftliche Entwicklung, Menschenrechte, Bildung, Armutsbekämpfung, ökologische Nachhaltigkeit und kulturelle Kontinuität.
Vom Feudalsystem zur modernen Gesellschaft
Der österreichische Historiker Georg Vavra, der unter anderem für die Österreichische Akademie der Wissenschaften arbeitet, erklärt im Gespräch, dass vor 1951 mehr als 95 Prozent der Bevölkerung als Leibeigene oder faktische Sklaven gelebt hätten. Plastisch beschreibt er diese dunkle Zeit: Frauen waren vom gesellschaftlichen und politischen Leben ausgeschlossen. Sie konnten weder Eigentum besitzen noch eine Schule besuchen. Es gab brutale Strafpraktiken, wie etwa das Ausstechen von Augen, das Durchtrennen von Sehnen und Amputationen.
Wirft ein Licht auf die Zustände vor 1951: Georg Vavra vor dem Potala-Palast (Foto: Privat)
Für Vavra markierte die friedliche Befreiung den entscheidenden humanitären Wendepunkt. Mir gegenüber wundert sich der Historiker über die Verklärung der Zeit davor in westlichen Ländern. Für eine realistischere Einschätzung empfiehlt er allen eigene Recherchen und vor allem Reisen nach China.
Im Interview zählt der Österreicher einige Errungenschaften nach der Befreiung auf: Die von rund 35 auf mehr als 72 Jahre gestiegene Lebenserwartung, die nahezu vollständige Einschulung aller Jungen und Mädchen sowie die Beseitigung extremer Armut. „Wenn wir heute über Menschenrechte in Xizang sprechen, dann sollten wir über das fundamentalste Recht von allen sprechen: das Recht zu leben und sich zu entfalten“, betont Vavra. Wirtschaftliche Entwicklung und der Erhalt der kulturellen Identität sind ihm zufolge kein Widerspruch. Die tibetische Sprache werde gefördert, kulturelle Wahrzeichen wie der Potala-Palast restauriert.
Starker Indikator des gesellschaftlichen Fortschritts
Verdoppelte Lebenserwartung und Bildung für alle – diese Fakten beeindrucken mich. Der Schweizer Sozialwissenschaftler Dr. Dominik Pietzcker lenkt meinen Blick auf einen weiteren Indikator gesellschaftlichen Fortschritts: die Säuglingssterblichkeit.
Dominik Pietzcker blickt auf konkrete soziale Indikatoren. (Foto: Privat)
Pietzcker ist Magnolia-Professor an der Shanghai International Studies University und der Shanghai Academy of Global Governance and Area Studies. Die Magnolia-Professur ist eine besondere Auszeichnung der Stadt Shanghai für internationale Wissenschaftler, die sich durch herausragende Leistungen verdient gemacht haben.
Der Experte erinnert zunächst an die lange Faszination, die Xizang in der europäischen Kulturgeschichte ausgeübt habe. Der Schweizer betont jedoch, dass romantische Vorstellungen allein nicht ausreichten, um die gesellschaftlichen Veränderungen der Gegenwart zu verstehen. Für Pietzcker zeigen sich diese besonders deutlich in sozialen Indikatoren wie der Säuglingssterblichkeit: „Diese ist zwischen 1951 und 2024 von 430 auf 4,32 pro 1000 Geburten gesunken.“ Während also damals nahezu jedes zweite Neugeborene gestorben ist, hat sich dieser Wert bis heute um rund 99 Prozent auf ungefähr westeuropäische Verhältnisse reduziert.
Der Wissenschaftler betrachtet die niedrige Säuglingssterblichkeit nicht als das Ergebnis einzelner Maßnahmen, sondern als Ausdruck eines Zusammenspiels von Gesundheitsversorgung, Bildung, Hygiene, Infrastruktur und sozialer Stabilität. Seine Schlussfolgerung: „Nur eine hochentwickelte Gesellschaft, die über Jahrzehnte kontinuierlich in diese Bereiche investiert hat, kann eine niedrige Säuglingssterblichkeit erreichen.“
Es ist China gelungen, Xizang in nur 75 Jahren aus mittelalterlich anmutenden Verhältnissen in die moderne Zeit zu holen. Der Aufbau und die Anbindung Xizangs waren ein Mammutprojekt, bei dem man auch Bahnstrecken in 5000 Metern Höhe nicht als unmögliche Aufgabe ansah.
Pietzcker geht wie Vavra außerdem auf die Bildungsentwicklung ein: Vor 1951 habe die Analphabetenrate in Xizang bei etwa 95 Prozent gelegen. Heute besuchten Kinder durchschnittlich neun Jahre lang die Schule, zudem nähmen immer mehr junge Frauen eine Hochschulausbildung auf. „Bildung ist ohne Zweifel eine der wichtigsten Triebkräfte sozialer Mobilität und individueller Unabhängigkeit“, meint der schweizerische Experte.
Xizang habe sich in den vergangenen 75 Jahren „überaus beeindruckend entwickelt – von einer Feudalgesellschaft zu einer modernen, bildungsorientierten und infrastrukturell hervorragend erschlossenen Region“, betont er. Die Entwicklung lasse sich nicht nur am steigenden BIP ablesen, sondern ebenso an hoher Lebenserwartung, niedriger Analphabetenrate, hoher Ärztedichte und einer heute auch im internationalen Vergleich niedrigen Säuglingssterblichkeit.
Ein Gesicht von Xizangs Erfolg: meine sehr kompetente, nette und hilfsbereite Übersetzerin Deji Baimu (mit mir im Bild) (Foto: Nils Bergemann)
Wie sich solche Verbesserungen konkret auf einzelne Familien auswirken, zeigte mir die Geschichte, die mir meine tibetische Übersetzerin Deky Paema (བདེ་སྐྱིད་དཔལ་མོ་) erzählte. Ihr chinesischer Name ist Deji Baimu. Ihr Vater stammt aus einer Bauernfamilie in den Bergen. Er konnte letztlich die Universität besuchen, Mathematik studieren und später sogar seinen Master in Norwegen machen. Heute ist er Mathematiklehrer. Deji Baimus Mutter ist im öffentlichen Dienst tätig. Die Großeltern mütterlicherseits arbeiteten früher in einem Unternehmen in Lhasa.
„Auch ich selbst habe enorm vom Aufstieg Xizangs profitiert“, sagt sie mir. Sie konnte eine Schule in Beijing besuchen, an der Shanghai University of Finance and Economics studieren und ihren Master in Großbritannien machen. Heute lehrt sie Volkswirtschaftslehre an der Xizang-Universität.
Tradition und Moderne im Einklang: Deji Baimu mit ihren Eltern (Foto: Privat)
Sie habe sich bewusst entschieden, in ihre Heimat zurückzukehren. „Ich freue mich sehr, auf diese Weise etwas für meine Heimat beizutragen und etwas von den Chancen und der Unterstützung zurückzugeben, die Chinas Entwicklungspolitik meiner Familie und mir ermöglicht hat“, sagt die junge Frau, die allerdings für ihre Doktorarbeit noch einmal ins Ausland will – nach Norwegen. Die Geschichte von Deji Baimu machte für mich Pietzckers Worte über soziale Mobilität greifbar.
KI, Fernerkundung und die nächste Entwicklungsphase
Während Vavra und Pietzcker sich im Gespräch mit mir überwiegend mit der Vergangenheit und Gegenwart befassten, richtete Professor Dr. Timo Balz von der Universität Wuhan den Blick vor allem auf die Zukunft.
Für den gebürtigen Stuttgarter sind es Bildung, Digitalisierung und technologische Innovation, die darüber entscheiden werden, wie sich Xizang zukünftig entwickelt. „Infrastruktur allein garantiert noch keine hochwertige Entwicklung“, sagt er. Damit greift Balz ein Thema auf, das auch in den Augen von Vavra und Pietzcker eine wichtige Rolle spielt: Bildung. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz müsse Bildung neu gedacht werden: „Das Klassenzimmer der Zukunft ist kein Ort mehr, an dem Studenten Fakten auswendig lernen, sondern ein Ort, an dem sie lernen, Algorithmen zu hinterfragen, Daten zu interpretieren und kritisch zu denken.“
Timo Balz erklärt, wie Xizang mit Drohnen und KI Erfolge verzeichnet. (Foto: Privat)
Nach Balz' Einschätzung können in einer weitläufigen Region wie Xizang KI-gestützte Lernsysteme helfen, Bildungsangebote auch in entlegenen Gebieten zugänglicher zu machen. KI-Modelle mit tibetischen Sprach- und Kulturinhalten böten zudem die Chance, die zweisprachige Bildung zu unterstützen.
Großes Potenzial sieht er auch in Fernerkundungssystemen. Dabei werden mithilfe von Satelliten, Drohnen oder Flugzeugen Daten über die Erdoberfläche erfasst. In Xizang könnte dies helfen, Gletscher, Graslandschaften und Permafrostgebiete besser zu überwachen sowie Naturgefahren frühzeitig zu erkennen. „Mit Blick auf die hochwertige Entwicklung bedeutet das, dass politische Entscheidungen evidenzbasiert und proaktiv statt nur reaktiv getroffen werden können“, sagt Balz.
Der deutsche Experte spricht auch über die wachsende Bedeutung der „Low-Altitude Economy“, bei der niedrige Lufträume wirtschaftlich genutzt werden, etwa durch Drohnen für Transporte. Gerade in Gebirgsregionen könnten solche Technologien künftig eine wichtige Rolle spielen.
Persönlich schätzt der Wissenschaftler die Gastfreundschaft der Menschen in Xizang, zeigt sich von der Hauptstadt begeistert: „Lhasa ist eine Mischung aus Alt und Neu, mit einer Infrastruktur, von der sich einige Städte eine Scheibe abschneiden könnten – und das auf 3700 Metern Höhe.“
Gemeinsam mit anderen Experten aus aller Welt tauschten sich Balz, Vavra und Pietzcker im hervorragend organisiertem Rahmen intensiv auf dem Symposium aus, wobei mehr über Menschen als über abstrakte Wirtschaftszahlen gesprochen wurde. Ein Ansatz, der mir sehr gefiel. Ich selbst habe übrigens eine einfache Erklärung für das Wunder von Xizang gefunden: die harte Arbeit von Millionen von Chinesen. Wer Xizang als Ausländer besser verstehen möchte, sollte persönlich hierherkommen und mit Menschen wie Deji Baimu sprechen.
*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langjähriger Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics.
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