Li Wenhui ist für unsere Reporter quasi ein alter Bekannter. Schon dreimal haben wir den Bürgermeister des Autonomen Bezirks Nujiang der Lisu in der südwestchinesischen Provinz Yunnan interviewt.
Bei unserem ersten Gespräch im Jahr 2019 ging Chinas Kampf gegen die Armut gerade in die entscheidende Phase. Damals betonte der Bürgermeister wiederholt: „Die Armutsüberwindung schreitet gewissermaßen sekündlich voran.“ 2021 trafen wir den Bürgermeister dann erneut, nachdem ein umfassender Sieg im Kampf gegen die Armut errungen worden war. Ein Erfolg, der sich auch im Tonfall des Bezirksleiters widerspiegelte: „Jeder Moment bietet neue Entwicklungschancen“, sagte er.
In diesem Jahr haben wir ein drittes Mal mit Li gesprochen, und zwar in dem Jahr, das nicht nur den Beginn des 15. Fünfjahresplans (2026–2030) markiert, sondern auch das erste Jahr nach der Übergangsphase, in der die Erfolge der Armutsüberwindung verstärkt mit dem ländlichen Aufschwung verknüpft werden sollen.
In diesem dritten Interview spricht der Bürgermeister noch immer in ruhigem Ton über die Veränderungen im Bezirk Nujiang, doch seine Worte wirken heute noch gelassener, strahlen große Zuversicht in die Zukunft aus.
Wie auch in den Vorjahren spricht Li Wenhui oft über das Thema Infrastruktur. Anfangs sei es beim Infrastrukturaufbau in Nujiang primär darum gegangen, natürliche Barrieren zu überwinden und Verkehrsadern zu schaffen. „Nun geht es darum, diese Verkehrsadern zu einem echten Weg zum Wohlstand für alle zu verwandeln“, sagt Li gleich zu Beginn und lenkt damit den Fokus auf die knapp 300 Kilometer lange, landschaftlich malerische Hauptverkehrsader des Bezirks, von der schon in früheren Gesprächen immer wieder die Rede war.
Wohlstand schaffen mit regionalen Produkten
Der Bezirk Nujiang ist gebirgig und zerklüftet. Zu 98 Prozent ist er von hohen Bergen und tiefen Tälern durchzogen. Die Menschen waren der Natur lange völlig ausgeliefert, mussten direkt vor der Haustür steile Hänge erklimmen. Die Fertigstellung der Nationalstraße G219 hat nicht nur die Reisezeit durch den Bezirk von einem Tag auf fünf bis sechs Stunden verkürzt, sondern auch einen Wandel im Denken bei den Einheimischen herbeigeführt.
Li Wenhui erinnert sich: „Vor einigen Jahren konnten wir unseren Chinesischen Schwarzen Kardamom nicht außerhalb der Bergregion verkaufen, die Kunden konnten auch nicht zu uns kommen. Es schien keine Lösung in Sicht.“ Heute sei die G219 zu einer Art „Gewürzschnellstraße“ aufgestiegen. Über sie gelangt der Kardamom selbst auf Märkte außerhalb der Region. Die örtliche Anbaufläche der Gewächse hat sich bei 74.000 Hektar stabilisiert, der Gesamtproduktionswert liegt bei drei Milliarden Yuan (rund 380 Millionen Euro). Dadurch ist das jährliche Einkommen der Landwirte um mehr als 4000 Yuan pro Kopf, also rund 500 Euro, gestiegen. Heute gilt Nujiang als eines der wichtigsten Anbaugebieten für Schwarzen Kardamom in China.
Doch geht es nach Bürgermeister Li, soll dies erst der Anfang gewesen sein: Zu Beginn des 15. Fünfjahresplans sollen die Spezialitäten der Gebirgsregion nicht nur die Berge verlassen, sondern auch weltweit vertrieben werden.
Nujiang feile derzeit gezielt an seinem Image, etabliere eigene lokale Handelsmarken, die so vielversprechende Namen wie „Bergschätze vom Nujiang-Fluss“, „Geheime Schluchten“ oder „Nunu-Coffee“ tragen. „Alles Gütesiegel, die lebhafte Bilder wecken, nicht wahr?“ Li ist überzeugt, dass diese Marken den Weg zum Wandel des Bezirks ebnen werden – genauer gesagt vom Rohstoffhandel zum Produkt- und Kulturhandel. Wenn Kardamom und Kaffee aus der Region, die die Essenz der Schluchten in sich tragen, an ferne Orte gelangen, dürften die „schlummernden“ Bergressourcen letztlich zu einem besseren Leben der Menschen beitragen, so der Plan.
Mit wachsender Markenbekanntheit füllen sich auch die Geldbörsen der Einheimischen. Im Dorf Laomudeng im Kreis Fugong zum Beispiel konnten viele Dorfbewohner ihren Lebensstandard durch Agrotourismus verbessern. „Früher lebten die Menschen hier vom Ackerbau oder von Wanderarbeit in der Ferne. Jetzt kehren viele junge Leute zurück, betreiben Familienhotels, begleiten Touristen oder verdienen ihr Geld mit Livestreaming“, sagt Li. „Unser Job ist es, jungen Rückkehrern zu ermöglichen, ihr Geld direkt vor der Haustür zu verdienen und ihnen so ein besseres Leben zu ermöglichen.“
Niemand soll zurückbleiben
Eine der größten Sorgen nach der gelungenen Armutsüberwindung sind Armutsrückfälle. Nujiang galt als „harter Brocken“ im landesweiten Kampf gegen die Armut. Teil der erfolgreichen Überwindungsstrategie war die Umsiedlung von rund 100.000 Menschen aus Orten mit schwierigen Lebensbedingungen. Doch der Umzug bildete letztlich nur den ersten Schritt. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, die Erfolge zu konsolidieren und die Menschen zu Wohlstand zu führen.
„Im Zentrum unserer Bemühungen steht, Armutsrückfälle oder neue Armut aller Art zu verhindern“, sagt Li Wenhui mit großer Entschlossenheit in der Stimme. In der Umgebung der Umsiedlungsgebiete habe man daher Industrieparks, Werkstätten zur Beschäftigungsförderung und Jobbörsen für Gelegenheitsjobs aufgebaut, berichtet er. Von den rund 57.700 Arbeitskräften unter den Umgesiedelten im ganzen Bezirk konnten bereits 53.000 erfolgreich in den außerlandwirtschaftlichen Arbeitsmarkt vermittelt werden – eine Transfer-Beschäftigungsquote von über 90 Prozent.
Hinter diesen Zahlen stehen reale Lebensgeschichten. Li zeigt uns einige Fotos, auf denen Arbeiter zu sehen sind, die im Industriepark für moderne Hochlandagrarwirtschaft im Kreis Lanping frische Blaubeeren sortieren und verpacken. Das Dorf liegt im Kerngebiet des UNESCO-Weltnaturerbes „Drei Parallelflüsse“. Früher war die Gegend wegen der schlechten Verkehrsanbindung lange abgeschieden. Inzwischen hat sich das einst karge Land jedoch zum größten zusammenhängenden Anbaugebiet für Premiumkirschen im Westen Yunnans aufgeschwungen. Im Hinblick auf die Blaubeeren wird eine Jahresproduktion von stattlichen 1500 Tonnen erzielt.
„Eine florierende Wirtschaft ist die Grundvoraussetzung zur Lösung der Probleme im ländlichen Raum“, ist Li überzeugt. Der Bezirk Nujiang hat hierfür ein neues Arbeitsmodell entwickelt: Die leitenden Persönlichkeiten stehen in der vordersten Verantwortung. Besonderes Augenmerk gilt zwei Schwerpunkten: zum einen bestimmten Bevölkerungsgruppen, zum anderen einzelnen Regionen. Zudem werden gezielte Maßnahmen für besonders unterstützungsbedürftige Personen ergriffen, bei denen ein vergleichsweise großes Rückfallrisiko in die Armut bestehe. „Wir müssen sicherstellen, dass jeder versteht: Partei und Regierung lassen niemanden im Stich.“
Nachdem neue Wirtschaftszweige aufgebaut und die grundlegende Absicherung gewährleistet wurde, stellt sich die Frage: Wie geht es nun weiter? Li Wenhuis Antwort ist einfach: Die Digitalisierung sei der neue Impulsgeber.
Auch tief im Gebirge auf der Höhe der Zeit
Während des Interviews fällt ein Schlagwort immer wieder: digitale Wirtschaft. Der Grundriss des 15. Fünfjahresplans sieht vor, die gezielten Unterstützung fortzusetzen. In Nujiang setzt man dabei auf ein neues Instrument: digitale Technologien.
„Wir wollen das 5G-Netz auf abgelegene Dörfer, Schwerpunktindustrieparks und touristische Areale ausweiten“, sagt Li Wenhui. Hierfür habe man sich ein konkretes Ziel gesteckt: Die 5G-Abdeckung in natürlichen Dörfern mit mehr als 30 Haushalten soll auf über 80 Prozent wachsen, was bedeutet, dass sich selbst in den entlegensten Ortschaften Waren per Livestream über das Smartphone verkaufen lassen. So fänden lokale Erzeugnisse wie Honig oder Heilkräuter über den Bildschirm direkt aus den Berggebieten ihren Weg zu Verbrauchern in anderen Landesteilen.
Entscheidend sei es, die Digitaltechnik tief mit regional einzigartigen Branchen zu verzahnen. Geht es nach Li, so sollen Neuerungen wie E-Commerce, Niedrigflugwirtschaft und intelligente Landwirtschaft möglichst rasch in Nujiang Wurzeln schlagen. Besonders hebt er dabei die intelligente Landwirtschaft hervor: „Das ist kein bloßes Schauprojekt, sondern soll den Menschen vor Augen führen, dass auch Ackerbau High-Tech kann.“
Li sieht in der Digitalwirtschaft eine neue Quelle zur Einkommenssteigerung der Bevölkerung. Mit diesem Flügel soll sich Nujiang wirtschaftlich in ungeahnte Höhen aufschwingen.
Wege bauen, Träume verfolgen
„Einmal im Leben muss man die Nationalstraße 219 entlang cruisen.“ Im Netz ist die traumhafte Strecke längst zu einem Sehnsuchtsort gereift, beschert dem Bezirk jede Menge digitale Reichweite. 2025 überstieg die Zahl der Besucher im gesamten Bezirk die Zehn-Millionen-Marke, was Nujiang Tourismuseinnahmen von über sieben Milliarden Yuan (knapp 880 Millionen Euro) bescherte. 21 Dörfer des Bezirks verbinden erfolgreich Landwirtschaft, Kultur und Tourismus. Allein an den Feiertagen des vergangenen Jahres haben sie über 200.000 Besucher angezogen, was sieben Millionen Yuan an Einnahmen generierte, rund 880.000 Euro also.
„Was schauen sich die Touristen an, wenn sie kommen? Was essen sie? Und was nehmen sie mit, wenn sie wieder gehen?“, fragt Li Wenhui und gibt prompt selbst die Antwort: „Sie sehen sich die Landschaft des Gaoligong-Gebirges und der Schluchten an, kosten Kardamom-Gerichte und lokalen Kaffee. Sie nehmen also den ‚Geschmack von Nujiang‘ mit.“
Der Kern der Verbindung von Landwirtschaft, Kultur und Tourismus liege nicht in der Umwandlung von Bestehendem in Sehenswürdigkeiten, sondern in einer behutsamen Aufwertung der Dörfer, sagt der Bezirksleiter. „Wir halten an dem Grundsatz fest, dass der Aufschwung des ländlichen Raums zum Wohle der Menschen erfolgen muss. Ziel von Tourismus ist es nicht, Dörfer in Sightseeing-Spots zu verwandeln, sondern ihren eigenen Charakter zur Entfaltung zu bringen. Nur wenn wir das Lebendige bewahren, erzeugen wir bei den Besuchern echte Resonanz“, sagt Li.
Zum Abschluss wollen wir wissen, wie es in Sachen Verkehrsplanung in Nujiang weitergeht. Schließlich stellt der Verkehr für die gebirgs- und schluchtenreiche Region seit jeher einen Schlüsselaspekt für das weitere Wachstum dar. „Nun, die über 500.000 Einwohner unseres Bezirks träumen schon seit Generationen von einem Bahnanschluss und einem Zivilflughafen“, räumt Li ein.
Während der Laufzeit des 15. Fünfjahresplans wolle der Bezirk die Chancen ergreifen, die sich durch das Vorhaben zum Aufbau einer starken Verkehrsnation ergeben und in diesem Rahmen die Vorarbeiten für Projekte wie die Eisenbahnstrecke Baoshan–Lushui und den Zivilflughafen Nujiang weiter vorantreiben. „Wenn es gelingt, diese Projekte in Chinas nationale Planung aufzunehmen und einen zeitnahen Baubeginn zu verwirklichen, wird sich Nujiang von einem Randgebiet zu einer echten Vorreiterregion wandeln.“ Dann wäre es kein ferner Traum mehr sein, mit dem Zug von Nujiang in andere etablierte Reiseziele in Yunnan wie Dali oder in die Autonome Region Xizang zu reisen oder per Flugzeug Metropolen wie Beijing, Shanghai oder Guangzhou anzusteuern. Bei diesen Worten beginnen Lis Augen zu strahlen.
„Die Entwicklung von Nujiang ist kein Sprint, sondern ein Marathon“, gibt Li bei alledem zu bedenken. „Nachdem wir die Etappe der Armutsüberwindung erfolgreich gemeistert haben, laufen wir nun kraftvoll weiter auf der Bahn des ländlichen Aufschwungs voran.“
Von der Hauptverkehrsader – der Nationalstraße G219 – bis hin zum Traum von neuen Eisenbahnverbindungen und einem Flughafen – jeder Entwicklungsschritt in Nujiang ist eng mit dem Glück Tausender Familien verknüpft. 2019 stemmte sich der Bezirk noch mit aller Kraft gegen die Armut und 2021 nutzte er frühzeitig neue Entwicklungschancen. 2026 strebt die örtliche Bevölkerung nun nach einem insgesamt besseren Leben. Die neuen Wege – nicht nur die realen, sondern auch die im übertragenen Sinne – dürften den Menschen vor Ort in Zukunft noch mehr Wachstumsmöglichkeiten bescheren.

