Die Vertiefung der Industriekooperation zwischen China und Deutschland

Es klingt ja fast unglaubwürdig: während der deutsche Kanzler Merz bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholt, dass Deutschland eine Politik des „De-Risking“ gegenüber China betreiben müsse, sehen die deutschen Unternehmen die Situation ganz anders. Sie verstärken die Investitionen und Kooperationen in und mit China, da sie die Vorteile ganz klar abschätzen können.  

Die Handelsbeziehungen 

So hat China die USA als wichtigster Handelspartner Deutschlands wieder überholt. Der Außenhandelsumsatz mit China stieg von Januar bis September 2025 dank großer Importe aus der Volksrepublik leicht um 0,6 Prozent auf 185,9 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. China war so mit Importen in Höhe von 124,5 Milliarden Euro mit weitem Abstand vor den Niederlanden das wichtigste Lieferland für Deutschland. Dass immer mehr deutsche Firmen vor Ort in China produzieren, trägt natürlich zum Rückgang deutscher Exporte nach China im Jahr 2025 bei.

 

Das Foto zeigt eine Ansicht des Hafens von Qinzhou in der Stadt Qinzhou. (16. September 2025, Xinhua) 

Chinas Exporte nach Deutschland spiegeln schnelle Zuwächse in den Sektoren der grünen und digitalen Wirtschaft wider. Elektrofahrzeuge, Lithium-Ionen-Batterien, Solarmodule und Unterhaltungselektronik haben traditionelle Waren wie Möbel und Textilien überholt.

Auto, Auto, Auto 

Auch der Import von Halbleitern ist vor allem für die deutsche Autoindustrie von großer Bedeutung. Schon jetzt sind deutsche Autos ohne chinesische Komponente nicht mehr denkbar. Martin Geißler, Chipexperte der Beratung Advyce, schätzt, dass 90 Prozent eines Autos ohne chinesische Teile nicht gebaut werden können.

„Es wird für die Automobilbranche durchaus attraktiv, intensiver Halbleiter in China einzukaufen“, sagt BMWs neuer Einkaufsvorstand, Nicolai Martin, der deutschen Tageszeitung Handelsblatt. Denn China könne sehr große Mengen an Halbleitern zur Verfügung stellen. „Auf diese günstigen Chips nicht zurückzugreifen, wäre schwierig“, sagt Martin. Für das Unternehmen ist klar, dass das Decoupling kaum umsetzbar ist. Es ergebe „keinen Sinn, eine vollständige Abkopplung von China anzustreben. Ganz im Gegenteil“, sagt Martin im Interview im Handelsblatt.

Stell dir vor, es ist „De-Risking“ und fast keiner macht mit: „De-Risking“ wird zu „In China, für China“ 

In der Praxis hat sich „De-Risking“ für viele deutsche Unternehmen weitgehend als eine „In China, für China“-Strategie übersetzt. Dieser Ansatz konzentriert sich auf die Vertiefung lokaler Geschäftstätigkeit, Partnerschaften und Lieferketten innerhalb Chinas, um die Marktresilienz und Wettbewerbsfähigkeit in einem wichtigen globalen Markt zu gewährleisten. Anstatt sich zurückzuziehen, haben deutsche Unternehmen sich tiefer in die chinesische Wirtschaft verankert, um ihre Geschäftstätigkeit von externen politischen Schocks abzuschirmen und möglicherweise von der nächsten Welle der Globalisierung chinesischer Unternehmen zu profitieren. So auch BMW. Beim diesjährigen World New Energy Vehicle Congress (WNEVC) stellte Sean Green, Präsident und CEO der BMW Group Region China, auf einem Seminar im Rahmen des Kongresses die Partnerschaften des traditionsreichen Autoherstellers mit chinesischen Unternehmen vor. Dabei hob Green gemeinsame Projekte mit dem Batterie-Giganten CATL zur gemeinsamen Entwicklung großer zylindrischer Zellen, eine Partnerschaft mit dem chinesischen Start-up Momenta zur Entwicklung von Fahrerassistenz-Software sowie Kooperationen zur Integration des KI-Modells von Alibaba und zur Integration des digitalen Ökosystems von Huawei in BMW-Fahrzeuge hervor.

Aber auch Volkswagen beschleunigt seine Transformation in Richtung intelligente Systeme und „China-Speed“, um seine Präsenz auf dem chinesischen Markt auszubauen. „Wir werden konsequent in die Lokalisierung unserer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten investieren, um uns viel stärker in das schnell wachsende Ökosystem für Elektrofahrzeuge in China zu integrieren“, kündigte Ralf Brandstätter, Vorsitzender und CEO der Volkswagen Group China, an.

 

Das 30-millionste von FAW-Volkswagen hergestellte Auto wird in der nordostchinesischen Stadt Changchun gezeigt. (30. Oktober 2025, Xinhua)  

Volkswagen baut nicht nur sein größtes Entwicklungszentrum außerhalb Deutschlands in der ostchinesischen Stadt Hefei, sondern verstärkt auch die Zusammenarbeit mit lokalen Herstellern wie Xpeng und Hightech-Unternehmen wie Horizon Robotics, Thundersoft und Gotion. Dieser Schritt ist eine weitere bedeutende Investition des deutschen Automobilherstellers, der in den vergangenen vier Jahrzehnten bereits 39 Werke(mit Stand von 2024) in China errichtet hat.Die chinesische Modernisierung , die Innovation und hochwertige Entwicklung in den Mittelpunkt stellt, schafft genau ein solches Ökosystem und eröffnet ausländischen Unternehmen wie Volkswagen vielfältige Chancen zur Kooperation und zum gemeinsamen Wachstum.

Investitionen im Chemie-Bereich 

China ist der weltweit größte Chemiemarkt. Der Innovation Campus Shanghai des deutschen Chemiegiganten BASF ist heute sein größtes Forschungs- und Entwicklungszentrum im asiatisch-pazifischen Raum. Im Petrochemie-Industriepark in der Stadt Zhanjiang in der Provinz Guangdong entsteht das bisher größte Auslandsprojekt von BASF: der Verbundstandort Zhanjiang mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 10 Milliarden Euro.

Auslandsinvestitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland 

Aber der Investitionsfluss verläuft keineswegs einseitig. China bleibt eine der wichtigsten Quellen für Direktinvestitionen in Deutschland. Im Jahr 2024 belegte China mit 199 neuen Investitionsprojekten konstant den dritten Platz unter den Herkunftsländern, nur knapp hinter den USA und der Schweiz. Diese Projekte konzentrieren sich stark auf zukunftsrelevante Sektoren wie Elektronik und Automation (25 Prozent), Energie und Rohstoffe (21Prozent) sowie Verkehr und Logistik (19 Prozent).

Derzeit kommen Batterien für Elektroautos vorwiegend aus Asien. Da die Batterie rund 40 Prozent des Preises eines Elektroautos ausmacht, tragen in Deutschland errichtete Produktionsstätten zu niedrigeren Kosten und niedrigeren Transportemissionen für in Deutschland gebaute Fahrzeuge bei. Aus diesem Grund eröffnete CATL, der größte Batterielieferant der Welt, eine Niederlassung im Bundesland Thüringen. Caspar Spinnen, Unternehmenssprecher von CATL in Deutschland, sagt, es sei wichtig, kurze Lieferketten zu haben. Er sagt gegenüber dem chinesischen Nachrichtensender CGTN, das Geschäft der Batterieproduktion laufe in enger Zusammenarbeit mit den Kunden ab. Bereits 2012 ging man in Deutschland eine erste Kooperation ein und entschied sich daraufhin, hier Batterien zu produzieren. Die Batterien werden an Elektrofahrzeughersteller in ganz Europa geliefert.

Wie sieht die Zukunft für die Kooperation aus? 

Im April 2025 unterzeichneten China und die EU ein Memorandum of Understanding über grüne Technologiekooperation mit einem Kapitaleinsatz von 15 Milliarden Euro über drei Jahre für Wasserstoff-Energie, Carbon Capture Storage und andere Bereiche. Auch Deutschland wird davon profitieren.

Trotz zeitweiser Probleme bleibt auch der offizielle wirtschaftliche Dialog zwischen China und Deutschland aktiv. Die letzte Sitzung des „Ranghohen Chinesisch-Deutschen Finanzdialogs“ im November 2025 in Beijing betonte die Verstärkung der zukünftigen Zusammenarbeit. Im Finanzsektor erzielten beide Seiten mehrere Konsense. Durch den 2026 startenden 15. Fünfjahresplan werden sich für deutsche Unternehmen viele Kooperationsmöglichkeiten in zukunftsorientierten Feldern ergeben.

Die jüngste Geschäftsklimaumfrage der Deutschen Handelskammer in China vom Dezember 2025 zeigt, dass 56 Prozent der in China vertretenen deutschen Unternehmen eine verstärkte Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern erwägen. Ziele sind dabei, Know-how als Katalysator zu nutzen und das Geschäft in China auszubauen. Qualitative Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen sowie eine Welle der Lokalisierung, die sich auf Forschung und Entwicklung und deren rasche Umsetzung in Produkte konzentriert, sind zu zentralen Lösungsansätzen für deutsche Unternehmen in China geworden.

Eine bemerkenswert hohe Anzahl der Befragten (75 Prozent) sagt, dass die Beziehungen zwischen China und der EU beziehungsweise Deutschland ihr China-Geschäft beeinflussen. 34 Prozent geben an, dass gute Beziehungen eine gute Grundlage für ihre operativen Geschäfte sind. Gleichzeitig ist die Verbesserung des China-Bildes in Deutschland die relevanteste Erwartung an die deutsche Bundesregierung (64 Prozent).

Kooperation bringt für beide Seiten viele Vorteile. Gerade wenn man so stark vernetzt ist und gegenseitige Abhängigkeiten bezüglich Marktzugängen und Rohstofflieferungen bestehen, sollte man doch versuchen - sagt der wirtschaftliche Hausverstand - die Beziehungen möglichst reibungslos zu gestalten und vor allem wirtschaftliche Probleme nicht mit anderen Themen und ideologischen Filtern zu überfrachten.

 

*Die Meinung des Artikels spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider. 

Der Autor Robert Fitzthum, Jahrgang 1951, studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien und arbeitete als IT-Manager in österreichischen Banken sowie als selbstständiger Unternehmensberater. Er lebt seit 2013 als Schriftsteller in China. Er schrieb „China verstehen” (Promedia-Verlag, 2018) und „Erfolgreiches China” (Goldegg- Verlag, 2021). „Chinas ‚Neue Reise‘: Sozialistische Modernisierung und die Bedeutung der Volksdemokratie” erscheint 2025.