Es ist Juli, noch Monate bis Weihnachten also. Doch im Bereich für Weihnachtsartikel der Yiwu International Trade Market herrscht schon Festtagsstimmung. Bunte Lichter blinken an den Tannenbäumen neben kunstvollen Dekorationen um die Wette. Dazwischen verhandeln Händler in mehreren Sprachen mit Kunden aus aller Welt, prüfen Bestellungen und bereiten den Versand vor.
Abholen, bitte! Im Verkaufsareal für Weihnachtsartikel des Yiwu International Trade Market warten diese Weihnachtsmänner auf Abnehmer aus aller Welt. (Foto: Dong Ning)
Geschwindigkeit: Früher Start in die Weihnachtssaison
„Die Produktion läuft schon seit Jahresbeginn auf Hochtouren. Erst jetzt kommen wir etwas zur Ruhe“, erzählt uns Jiang Jiangping, Geschäftsführer der Yiwu Junhong Christmas Costumes Gift Factory. Seit 30 Jahren ist er in der Branche tätig. Früher seien die meisten Bestellungen aus Europa zwischen Juni und August eingegangen, doch in den vergangenen zwei Jahren habe sich der Einkaufszeitpunkt deutlich nach vorne verlagert, sagt er. Bereits nach dem chinesischen Frühlingsfest, das gewöhnlich zwischen Januar und Februar gefeiert wird, seien die ersten Aufträge eingegangen.
Warum beginnen die Einkäufe so früh, wollen wir wissen. „Nun, wer früh bestellt, kann auch früh produzieren lassen. Zeit schafft Sicherheit – das ist für viele ausländische Einkäufer zur Standardstrategie geworden“, erklärt uns Jiang. Auch auf den Bestellansturm reagiere sein Unternehmen schnell: „Vom Eingang einer Bestellung bis zur Auslieferung aus der Fabrik dauert es im besten Fall nur zwei Wochen“, sagt er. „Effizienz und termingerechte Lieferung sichern uns langjährige Geschäftsbeziehungen zu den Kunden.“
Effiziente Produktion ist seit jeher eine der großen Stärken der Yiwuer Kleinwarenindustrie. Heute reicht dieser Tempo-Vorteil jedoch über die reine Produktion hinaus, schließt auch Produktentwicklung und Innovation mit ein. „Einer der Gründe, warum Yiwu für die Kunden attraktiv bleibt, ist, dass wir jedes Jahr neue Produkte hervorbringen“, erklärt Jiang. Damit dies gelinge, habe er ein achtköpfiges Designteam zusammengestellt, das internationale Trends verfolge und sie in die Produkte einfließen lasse. Mithilfe von KI könne sein Team ein neues Produkt innerhalb eines halben Tages entwerfen, so der Unternehmer. Allein in diesem Jahr habe man so bereits über 400 neue Modelle auf den Markt gebracht.
Auch der Zoll hat seine Abläufe beschleunigt. Ye Zhengyang, Sektionsleiter der Außenstelle des Yiwuer Zolls am Flughafen, erklärt, dass zur Gewährleistung der Abfertigungseffizienz die Kontrollquote für den grenzüberschreitenden E-Commerce-Export auf fünf Prozent gesenkt worden sei. „Zugleich haben wir die Servicezeiten des Zolls ausgeweitet“, sagt er. Eine durchgängige Abfertigung sei so auch an Wochenenden und Feiertagen gewährleistet. Ye erklärt: „Grenzüberschreitende Sendungen werden unmittelbar nach ihrem Eintreffen geprüft und freigegeben. Dabei arbeiten wir eng mit den Unternehmen zusammen und stimmen die Abläufe nahtlos auf die Logistikprozesse des grenzüberschreitenden E-Commerce ab.“
Bereit zum Export: Unternehmer Jiang Jiangping umringt von seinen Weihnachtsmützen (Foto: Dong Ning)
Qualität: Detailliebe als Verkaufsargument
Angesichts der steigenden Ansprüche der Verbraucher weltweit verlagert sich der Wettbewerb unter den Händlern in Yiwu zunehmend von reiner Geschwindigkeit auf Produktqualität.
Im Geschäft der Luochen Crafts Co., Ltd. ziehen die aufwendig gestalteten Weihnachtsmänner in den Regalen sofort die Blicke der Kundschaft auf sich. Unternehmenschefin Ji Haili erläutert die Vielfalt der Kollektion: „Modelle mit Paillettenverzierung kommen insbesondere bei südamerikanischen Kunden gut an, während sich die farbenfrohen Varianten speziell an den afrikanischen Markt richten“, sagt sie. Das Prunkstück des Sortiments sei jedoch ein maßgeschneiderter Weihnachtsmann für einen Großkunden aus Georgien – gekleidet in die traditionelle Uniform eines georgischen Soldaten und verziert mit lokalen Modeelementen.
„Highlight dieser Figur ist der Kopf“, sagt uns Ji. Ihr Team habe das Modell zuerst mithilfe von 3D-Modellierung entworfen und anschließend per 3D-Druck einen Prototyp gefertigt. Die Gesichtszüge habe man daraufhin von Hand koloriert, wobei die Dicke der Augenbrauen und die Farbe der Augen mehrfach überarbeitet worden seien. „Genau diese akribische Liebe zum Detail hat unseren georgischen Stammkunden überzeugt, der bereits seit fünf Jahren mit uns zusammenarbeitet.“ Er habe daher auch diesen Auftrag an Ji vergeben, weil er vor Ort einfach keinen anderen Lieferanten finden konnte, der seinen Anforderungen entsprach. Allein von diesem Modell gingen 200.000 Exemplare über die Ladentheke, was das Vertrauen ausländischer Kunden in die Produktqualität aus Yiwu spiegelt.
Die Kleinartikel aus Zhejiang tragen auch dazu bei, kulturelle Distanzen zu überwinden. Um die Nachfrage auf den Überseemärkten möglichst präzise zu erfassen, reist Ji fast jedes Jahr zu Messen ins Ausland. Dort beobachtet sie die lokalen Konsumgewohnheiten und kulturelle Besonderheiten. „Diese Elemente fließen dann in unsere Produktentwicklung mit ein“, sagt sie. „Jedes Mal, wenn wir ein maßgeschneidertes Produkt fertigstellen, ist das ein Stück interkultureller Austausch. Ich fühle mich dann wie eine Kulturbotschafterin“, sagt sie und lacht.

